Full text : Fortschritt und Armut

Kap.  I.

233

Die  Unzulänglichkeit  der  gewöhnlich  empfohlenen  Heilmittel.

der  Erfolg  solcher  Koalitionen  nicht  der  sein  kann,  andere  Löhne  herabzudrücken, ­
  den  Gewinn  des  Kapitals  zu  vermindern  oder  das  Nationalvermögen ­
  zu  schädigen,  sind  die  Schwierigkeiten,  die  sich  wirksamen
Arbeiterkoalitionen  entgegenstellen,  doch  so  groß,  daß  das  durch  sie
bewirkte  Gute  außerordentlich  gering  ist,  während  andererseits  unvermeidliche ­
  Nachteile  damit  verknüpft  sind.
Die  Löhne  in  einer  oder  in  mehreren  Beschäftigungen  zu  erhöhen  —
was  alles  ist,  was  irgendeine  der  bisherigen  Arbeiterkoalitionen  bisher
zu  tun  versucht  hat  —,  ist  offenbar  eine  Ausgabe,  deren  Schwierigkeit
progressiv  zunimmt.  Denn  je  höher  die  Löhne  in  einer  Branche  über
dem  allgemeinen  Niveau  stehen,  desto  stärker  sind  die  Tendenzen,  sie
zurückzubringen.  Wenn  also  eine  Setzerkoalition  den  Lohn  des  Letternsatzes ­
  durch  einen  erfolgreichen  oder  angedrohten  Streik  zehn  Prozent
über  den  im  Vergleich  zu  anderen  Löhnen  normalen  Satz  erhöht,  so
werden  die  relative  Nachfrage  und  das  relative  Angebot  sofort  dadurch
berührt.  Aus  der  einen  Seite  wird  ein  Bestreben  erzeugt,  den  Letternsatz ­
  soweit  als  möglich  einzuschränken,  und  auf  der  anderen  bewirkt  die
Lohnerhöhung  aus  so  mannigfaltige  Weise  eine  Vermehrung  der  Zahl
der  Setzer,  daß  die  stärkste  Koalition  dies  nicht  ganz  zu  verhindern  imstande ­
  ist.  Beläuft  sich  die  Erhöhung  aus  zwanzig  Prozent,  so  ist  dies
Bestreben  um  so  stärker,  bei  fünfzig  Prozent  noch  stärker  und  so  fort.
Demnach  ist  der  praktische  Nutzen  solcher  Gewerkvereinigungen  —
selbst  in  Ländern  wie  England,  wo  die  Grenzen  zwischen  den  verschiedenen
Gewerken  viel  schärfer  und  schwerer  zu  überschreiten  sind  als  in  Ländern
wie  die  vereinigten  Staaten  —  in  bezug  auf  die  Erhöhung  der  Löhne,
selbst  wenn  sie  einander  unterstützen,  ein  verhältnismäßig  geringer,
und  überdies  ist  dieser  geringe  Nutzen  aus  ihre  eigene  Sphäre  beschränkt
und  berührt  nicht  die  untersten  Schichten  der  unorganisierten  Arbeiter,
deren  Lage  am  meisten  Erleichterung  erheischt  und  schließlich  diejenige
aller  über  ihnen  liegenden  Schichten  bestimmt.  Der  einzige  Weg,  aus
welchem  durch  diese  Methode  die  Löhne  bis  zu  einem  gewissen  Grade
und  mit  Aussicht  aus  Dauer  erhöht  werden  könnten,  wäre  eine  allgemeine
Arbeitervereinigung,  wie  sie  die  Internationalen  erstrebten,  und  welche
die  Arbeiter  aller  Art  umfassen  müßte.  Eine  solche  Vereinigung  jedoch
muß  als  praktisch  undurchführbar  angesehen  werden,  denn  die  Schwierigkeiten ­
  der  Koalition,  die  schon  in  den  höchst  bezahlten  und  wenigst  ausgedehnten ­
  Gewerben  groß  genug  sind,  werden  größer  und  größer,  je
mehr  man  ans  der  industriellen  Stufenleiter  hinabsteigt.
Auch  darf  in  einem  Kampfe  von  längerer  Dauer,  wodurch  Arbeiterkoalitionen ­
  zum  Behuf  von  Lohnerhöhung  allein  Erfolg  haben  können,
nicht  vergessen  werden,  welches  die  gegeneinander  aufgehetzten  Parteien
sind.  Ls  sind  nicht  die  Arbeit  und  das  Kapital.  Ls  sind  die  Arbeiter  auf
der  einen  und  die  Grundbesitzer  aus  der  anderen  Seite.  Bestände  der
Streit  zwischen  der  Arbeit  und  dem  Kapital,  so  würde  er  aus  viel  gleicheren
Bedingungen  beruhen.  Denn  die  Fähigkeit  des  Kapitals,  müßig  zu
            
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