Die Wirkungen des Heilmittels.
Buch IX.
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unserer Mitmenschen zu gewinnen, ist instinktiv und allgemein. Oft zu
den abnormsten Kundgebungen verdreht, ist derselbe doch überall zu
begreifen. Ebenso mächtig bei dem unzivilisiertesten Milden wie bei
den höchst gebildeten Mitgliedern der vorgeschrittensten Gesellschaft,
zeigt derselbe sich mit dem ersten Schimmer des Verstandes und hält
bis zum letzten Atemzuge an. Er triumphiert über den Hang zur Be
quemlichkeit, über das Gefühl des Schmerzes, über die Furcht vor dem
Tode. Er ist die Triebfeder der geringfügigsten wie der wichtigsten
Handlungen.
Das Rind, das eben zu laufen und zu sprechen anfängt, wird neue
Anstrengungen machen, sobald es seine kleinen Streiche bemerkt und
belacht sieht; der sterbende Herr der Welt ordnet den Faltenwurf seiner
Toga, damit er scheide, wie es sich für einen König geziemt. Lhinesische
Mütter entstellen ihrer Töchter Füße vermittelst grausamer Klötze, und
Europäerinnen opfern ihre eigene und die Bequemlichkeit ihrer Fa
milien ähnlichen Geboten der Mode. Um durch seine schöne Tätowierung
Bewunderung zu erregen, hält der Polynesier still, während man ihm
das Fleisch mit den Zähnen des Haies zerreißt. An den Marterpfahl
gebunden, erträgt der nordamerikanische Indianer die teuflischsten
Foltern ohne einen Laut, und um als ein Großer unter den Tapferen
geachtet und bewundert zu werden, reizt er seine Henker durch Schmä
hungen zu neuen Grausamkeiten. Das ists, was auf den verlorenen Posten
treibt, was die Lampe des bleichen Gelehrten schmückt, was die Menschen
antreibt zu streben, sich abzumühen, sich zu überarbeiten und zu sterben.
Das ists, was die Pyramiden errichtete und den Dom von Ephesus
in Brand steckte.
Die Menschen bewundern, was sie wünschen. Mie süß erscheint
dem vom Sturm Gepeitschten der sichere Hafen, die Nahrung dem
hungrigen, der Trank dem Durstigen, die Wärme dem Frierenden, die
Ruhe dem Müden, die Macht dem Schwachen, das Missen demjenigen,
in welchem der Wissensdurst der Seele erweckt ist. Und so läßt der
Stachel der Armut und die Furcht vor ihr den Menschen den Besitz
von Reichtümern über alles bewundern, und reich werden, heißt geachtet,
bewundert und einflußreich werden. Gewinnt Geld — ehrlich, wenn
möglich, aber jedenfalls gewinnt Geld! Dies ist die Lehre, welche die
Gesellschaft täglich und stündlich in den Ohren ihrer Mitglieder erschallen
läßt. Die Menschen bewundern instinktmäßig Tugend und Wahrheit,
aber der Stachel der Armut und die Furcht vor derselben lassen sie mehr
noch den Reichen bewundern und mit den Glücklichen sympathisieren.
Es ist recht schön, ehrlich und gerecht zu sein, und die Menschen werden
es loben; aber derjenige, welcher durch Betrug und Ungerechtigkeit
eine Million erwirbt, wird mehr Achtung, Bewunderung, Einfluß,
mehr Augendienst und Lippendienst, wenn auch nicht Liebesdienst
erlangen, als derjenige, der sie nicht mag. Der eine mag seinen Lohn
in der Zukunft haben; er mag wissen, daß sein Name in das Buch des