Full text : Fortschritt und Armut

Die  Wirkungen  des  Heilmittels.

Buch  IX.

33^

unserer  Mitmenschen  zu  gewinnen,  ist  instinktiv  und  allgemein.  Oft  zu
den  abnormsten  Kundgebungen  verdreht,  ist  derselbe  doch  überall  zu
begreifen.  Ebenso  mächtig  bei  dem  unzivilisiertesten  Milden  wie  bei
den  höchst  gebildeten  Mitgliedern  der  vorgeschrittensten  Gesellschaft,
zeigt  derselbe  sich  mit  dem  ersten  Schimmer  des  Verstandes  und  hält
bis  zum  letzten  Atemzuge  an.  Er  triumphiert  über  den  Hang  zur  Bequemlichkeit, ­
  über  das  Gefühl  des  Schmerzes,  über  die  Furcht  vor  dem
Tode.  Er  ist  die  Triebfeder  der  geringfügigsten  wie  der  wichtigsten
Handlungen.
Das  Rind,  das  eben  zu  laufen  und  zu  sprechen  anfängt,  wird  neue
Anstrengungen  machen,  sobald  es  seine  kleinen  Streiche  bemerkt  und
belacht  sieht;  der  sterbende  Herr  der  Welt  ordnet  den  Faltenwurf  seiner
Toga,  damit  er  scheide,  wie  es  sich  für  einen  König  geziemt.  Lhinesische
Mütter  entstellen  ihrer  Töchter  Füße  vermittelst  grausamer  Klötze,  und
Europäerinnen  opfern  ihre  eigene  und  die  Bequemlichkeit  ihrer  Familien ­
  ähnlichen  Geboten  der  Mode.  Um  durch  seine  schöne  Tätowierung
Bewunderung  zu  erregen,  hält  der  Polynesier  still,  während  man  ihm
das  Fleisch  mit  den  Zähnen  des  Haies  zerreißt.  An  den  Marterpfahl
gebunden,  erträgt  der  nordamerikanische  Indianer  die  teuflischsten
Foltern  ohne  einen  Laut,  und  um  als  ein  Großer  unter  den  Tapferen
geachtet  und  bewundert  zu  werden,  reizt  er  seine  Henker  durch  Schmähungen ­
  zu  neuen  Grausamkeiten.  Das  ists,  was  auf  den  verlorenen  Posten
treibt,  was  die  Lampe  des  bleichen  Gelehrten  schmückt,  was  die  Menschen
antreibt  zu  streben,  sich  abzumühen,  sich  zu  überarbeiten  und  zu  sterben.
Das  ists,  was  die  Pyramiden  errichtete  und  den  Dom  von  Ephesus
in  Brand  steckte.
Die  Menschen  bewundern,  was  sie  wünschen.  Mie  süß  erscheint
dem  vom  Sturm  Gepeitschten  der  sichere  Hafen,  die  Nahrung  dem
hungrigen,  der  Trank  dem  Durstigen,  die  Wärme  dem  Frierenden,  die
Ruhe  dem  Müden,  die  Macht  dem  Schwachen,  das  Missen  demjenigen,
in  welchem  der  Wissensdurst  der  Seele  erweckt  ist.  Und  so  läßt  der
Stachel  der  Armut  und  die  Furcht  vor  ihr  den  Menschen  den  Besitz
von  Reichtümern  über  alles  bewundern,  und  reich  werden,  heißt  geachtet,
bewundert  und  einflußreich  werden.  Gewinnt  Geld  —  ehrlich,  wenn
möglich,  aber  jedenfalls  gewinnt  Geld!  Dies  ist  die  Lehre,  welche  die
Gesellschaft  täglich  und  stündlich  in  den  Ohren  ihrer  Mitglieder  erschallen
läßt.  Die  Menschen  bewundern  instinktmäßig  Tugend  und  Wahrheit,
aber  der  Stachel  der  Armut  und  die  Furcht  vor  derselben  lassen  sie  mehr
noch  den  Reichen  bewundern  und  mit  den  Glücklichen  sympathisieren.
Es  ist  recht  schön,  ehrlich  und  gerecht  zu  sein,  und  die  Menschen  werden
es  loben;  aber  derjenige,  welcher  durch  Betrug  und  Ungerechtigkeit
eine  Million  erwirbt,  wird  mehr  Achtung,  Bewunderung,  Einfluß,
mehr  Augendienst  und  Lippendienst,  wenn  auch  nicht  Liebesdienst
erlangen,  als  derjenige,  der  sie  nicht  mag.  Der  eine  mag  seinen  Lohn
in  der  Zukunft  haben;  er  mag  wissen,  daß  sein  Name  in  das  Buch  des
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.