Full text : Fortschritt und Armut

338  Die  Wirkungen  des  Heilmittels.  Buch  IX.

die  sich  einbilden,  daß  der  Gedanke,  es  könnte  einen  Gesellschaftszustand
geben,  in  welchem  die  Habsucht  verbannt,  die  Gefängnisse  leer,  die
persönlichen  Interessen  den  allgemeinen  untergeordnet  wären  und
niemand  versuchte,  seinen  Nachbar  zu  berauben  und  zu  bedrücken,  nur
ein  Gebilde  unpraktischer  Träumer  sei,  für  die  diese  praktischen  Alltagsmenschen, ­
  die  sich  etwas  daraus  zugute  tun,  die  Tatsachen  anzuerkennen
wie  sie  sind,  eine  herzliche  Verachtung  empfinden.  Aber  solche  Leute  —
obgleich  einige  von  ihnen  Bücher  schreiben,  andere  Professuren  an
Universitäten  innehaben  und  dritte  von  der  Kanzel  herunterreden  —
denken  nicht.  Wenn  sie  gewohnt  wären,  in  solchen  Speisehäusern  zu
essen,  wie  man  sie  in  den  niedrigeren  Quartieren  von  Paris  und  London
findet,  wo  die  Messer  und  Gabel  an  den  Tischen  angekettet  sind,  sie  würden
darin  nur  die  natürliche,  unausrottbare  Neigung  des  Menschen  sehen,
Messer  und  Gabel,  womit  er  gegessen,  zu  stehlen.
Man  nehme  eine  Gesellschaft  von  wohlerzogenen  Männern  und
grauen,  die  zusammen  speisen.  Da  gibt  es  keinen  Streit  um  das  Essen
keinen  Versuch  von  seiten  irgend  jemandes,  mehr  zu  bekommen  als
sein  Nachbar,  kein  Bemühen  sich  vollzustopfen  oder  etwas  mitzunehmen.
Im  Gegenteil,  jeder  bestrebt  sich,  seinem  Nachbar  erst  behilflich  zu  sein,
bevor  er  selbst  nimmt,  anderen  das  Beste  anzubieten,  anstatt  es  für  sich
zu  behalten,  und  sollte  jemand  Neigung  zeigen,  die  Befriedigung  seines
eigenen  Appetits  derjenigen  der  anderen  vorzuziehen,  oder  gar  Sachen
mitgehen  zu  heißen,  so  würde  ihn  die  schnelle  und  schwere  Strafe  gesellschaftlicher ­
  Mißachtung  und  deren  Ostrazismus  belehren,  wie  sehr  ein
solches  Betragen  von  der  gewöhnlichen  Ansicht  gemißbilligt  wird.
Alles  dies  ist  so  gewöhnlich,  daß  es  keiner  Erhärtung  bedarf  und
als  der  natürliche  Zustand  der  Dinge  angesehen  werden  kann.  Dennoch
ist  es  ebenso  natürlich,  daß  die  Menschen  nach  Essen  und  Trinken  als
nach  Reichtum  gierig  sind.  Sie  sind  nach  Nahrung  gierig,  wenn  sie  nicht
die  Überzeugung  haben,  daß  eine  billige  und  ausreichende  Verteilung  stattfindet, ­
  die  jedem  genug  zukommen  läßt.  Sind  jedoch  diese  Bedingungen
erfüllt,  so  hören  sie  auf  nach  Nahrung  gierig  zu  sein.  Und  so  sind  unter
den  jetzigen  Einrichtungen  der  Gesellschaft  die  Menschen  gierig  nach
Reichtum,  weil  die  Verteilungsbedingungen  dermaßen  ungerecht  sind,
daß,  anstatt  daß  jeder  sicher  wäre,  genug  zu  bekommen,  viele  sicher  sind,
zum  Mangel  verdammt  zu  werden.  Ls  ist  das  „den  Letzten  beißen  die
Hunde"  der  gegenwärtigen  sozialen  Einrichtungen,  was  den  Wettlauf
und  die  Gier  nach  Reichtum  verursacht,  wobei  alle  Rücksichten  der  Gerechtigkeit, ­
  der  Barmherzigkeit,  der  Religion  und  des  Gefühls  unter  die
Füße  getreten  werden,  wobei  die  Menschen  ihre  eigenen  Seelen  vergessen ­
  und  bis  an  den  Rand  des  Grabes  für  etwas  kämpfen,  das  sie  nicht
mitnehmen  können.  Aber  eine  gerechte  Verteilung,  die  alle  von  der
Furcht  vor  Mangel  befreite,  würde  die  Gier  nach  Reichtum  beseitigen
gerade  wie  in  guter  Gesellschaft  niemand  Gier  nach  den  Speisen  zeigt.
Auf  den  gedrängt  vollen  Dampfschiffen  der  frühesten  kalifornischen
            
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