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Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.
Buch X.
ist außerordentlich verschieden. Zwischen dem rohen Kanoe und dem
Dampfschiffe, zwischen dem Bumerang und der Repetierbüchse,
zwischen dem grob gearbeiteten hölzernen Götzenbilde und dem atmen
den Marmor griechischer Kunst, zwischen dem Wissen des Wilden und
der modernen Wissenschaft, zwischen dem eingeborenen Indianer und
dem weißen Ansiedler, zwischen dem Lsottentottenweibe und der Schönen
aus der feinen Gesellschaft besteht ein ungeheurer Unterschied.
Die verschiedenen Grade, in welchen dieses vermögen ausgeübt
wird, können nicht Unterschieden in der ursprünglichen Veranlagung
beigemessen werden; die vorgeschrittensten Völker der Jetztzeit waren
noch innerhalb der historischen Zeit Wilde, und wir begegnen den größten
Unterschieden bei Völkern der gleichen Abstammung. Ebensowenig
können sie bloß Verschiedenheiten der umgebenden Natur zugeschrieben
werden; die Pflanzstätten der Künste und Wissenschaften werden in
vielen Fällen jetzt von Barbaren eingenommen, und innerhalb weniger
Jahre entstehen große Städte auf den Iagdgründen wilder Stämme.
Alle diese Unterschiede sind augenscheinlich mit der sozialen Entwicklung
verbunden. Uber die allerersten Anfänge hinaus wird es dem Menschen
nur dadurch möglich fortzuschreiten, daß er mit seinen Mitmenschen
zusammenlebt. Alle diese Fortschritte in des Menschen Gaben und Lage
fassen wir daher in dem Worte Zivilisation zusammen. Die Menschen
vervollkommnen sich, je zivilisierter sie werden, d. h. je mehr sie lernen,
in der Gesellschaft zusammenzuwirken.
Was ist das Gesetz dieses Fortschrittes? Durch welches gemein
same Prinzip können wir die verschiedenen Stadien der Zivilisation,
zu welchen verschiedene Gemeinwesen gelangt sind, erklären? Worin
besteht wesentlich der Fortschritt der Zivilisation, so daß wir von den
wechselnden sozialen Einrichtungen sagen können, diese begünstigt
denselben und jene nicht, oder erklären können, warum eine Einrich
tung oder Bedingung, die ihn einmal fördert, ihn ein andermal aufhält?
Die herrschende Annahme ist jetzt, daß der Fortschritt der Zivili
sation eine Entwicklung oder Evolution ist, in deren Verlauf die Fähig
keiten des Menschen zunehmen und seine Eigenschaften entwickelt werden
durch die Wirkung von Ursachen ähnlich denen, auf die man sich stützt,
um den Ursprung der Arten zu erklären, nämlich: das Überleben der
Tüchtigsten und die erbliche Übertragung erworbener Eigenschaften.
Daß die Zivilisation eine Entwicklung ist, daß sie nach Herbert
Spencers Ausdruck ein Fortschritt von einer unbestimmten, unzu
sammenhängenden Gleichartigkeit zu einer bestimmten, zusammen
hängenden Verschiedenartigkeit ist, unterliegt keinem Zweifel; dieser
Ausdruck jedoch ist keine Erklärung oder Feststellung der Ursachen, welche
den Fortschritt fördern oder aufhalten, wieweit die Generalisationen
Spencers, die alle Erscheinungen unter den Ausdrücken Stoff und Kraft
zu erklären suchen, richtig verstanden, alle diese Ursachen einschließen,
vermag ich nicht zu sagen, aber wissenschaftlich hat die Entwicklungslehre