Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.
Buch X.
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ebenso allgemein, wie vor kurzem nach der Theorie der Schöpfung
und göttlichen Vermittlung.
Das praktische Resultat dieser Theorie ist eine Art von hoffnungs
vollem Fatalismus, von dem die heutige Literatur erfüllt ist. von diesem
Gesichtspunkt ist der Fortschritt das Ergebnis von Kräften, die langsam,
beständig und unbarmherzig an der Erhebung des Menschen arbeiten.
Krieg, Sklaverei, Tyrannei, Aberglaube, Hungersnot, Pestilenz, die in
der modernen Zivilisation eitern, Armut und Elend sind die treibenden
Ursachen, welche den Menschen vorwärts drängen, die schwächeren
Typen ausstoßen und die höheren verbreiten; und die erbliche Über
tragung ist die Kraft, durch welche die Fortschritte fixiert und vergangene
Fortschritte zu Stufen neuer Fortschritte gemacht werden. Das Indivi
duum ist das Ergebnis von Veränderungen, die so einer langen Reihe
vergangener Individuen aufgeprägt und durch sie verewigt wurden,
und die soziale Organisation erhält ihre Form von den Individuen,
aus welchen sie zusammengesetzt ist. während diese Theorie somit,
wie Herbert Spencer sagt*), „radikal ist bis zu einem Grade, der alles
übertrifft, was der herrschende Radikalismus zu fassen vermag", da sie
Veränderungen in der menschlichen Natur selbst erwartet, ist sie gleich
zeitig „konservativ bis zu einem Grade, der alles übertrifft, was der
herrschende Konservatismus zu fassen vermag", da sie annimmt, daß
keine Änderung sich geltend machen kann außer diesen langsamen Ände
rungen in der Menschennatur. Die Philosophen mögen lehren, daß dies
nicht die Pflicht vermindere, auf Abstellung von Mißbräuchen hinzu
wirken, gerade wie die Theologen, welche eine Vorherbestimmung
lehrten, dennoch die Pflicht aller behaupteten, um die ewige Seligkeit
zu kämpfen; allein nach der allgemeinen Auffassung ist das Resultat
Fatalismus: „was wir auch tun mögen, die Mühlen der Götter mahlen
weiter, unbekümmert um unsere Hilfe oder um unser widerstreben".
Ich führe dies nur an, um die Ansicht zu erläutern, die, wie ich glaube,
sich immer rascher verbreitet und den gewöhnlichen Gedankengang
durchdringt; nicht, daß in der Forschung nach Wahrheit irgendeine
Rücksicht auf ihre Folgen den Geist beeinflussen dürfe. Aber dies halte
ich für die herrschende Ansicht von der Zivilisation: daß sie das Ergebnis
von Kräften sei, die in der angedeuteten weise wirken, langsam den
Lharakter des Menschen verändern und die Eigenschaften desselben ver
vollkommnen und erheben; daß der Unterschied zwischen dem zivilisierten
Menschen und dem wilden von einer langen Rassenerziehung herrühre,
die in der geistigen Organisation dauernd zum Ausdruck gekommen fei,
und daß diese Vervollkommnung in steigendem Verhältnis zu einer
immer höheren Zivilisation führe, wir haben nach dieser Theorie einen
solchen Punkt erreicht, daß der Fortschritt bei uns natürlich zu sein scheint,
und wir vertrauensvoll den größeren Errungenschaften des kommen
*) „Das Studium der Soziologie", Schluß.