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Kap. I.
Die herrschende Theorie des menschlichen Fortschrittes.
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licht gebracht, in Statuen und Schnitzereien, nicht von härtern und
formalem Typus, sondern strahlend von Leben und Ausdruck, welche die
Kunst kämpfend, warm, natürlich und frei zeigen —das sichere Merkmal
eines tätigen und sich ausdehnenden Lebens. So muß es einmal mit
allen, jetzt nicht mehr fortschreitenden Zivilisationen gewesen sein.
Aber nicht bloß diese stillstehenden Zivilisationen vermag uns die
herrschende Entwicklungstheorie nicht zu erklären. Die Menschen sind
nicht bloß auf dem Pfade des Fortschrittes vorgegangen und dann
stehen geblieben; sie sind auch weit vorgeschritten und dann zurück
gegangen. Es ist nicht bloß ein vereinzelter Fall, der so der Theorie
gegenübersteht, es ist die allgemeine Regel. Jede Zivilisation,
welche die Welt bislang gesehen hat, hatte ihre Zeit kräftigen Wachstums,
des Stillstands und der Stockung, des Sinkens und Fallens. Von
allen Zivilisationen, die erstanden und blühten, sind heute nur die stehen
gebliebenen und unsere eigene übrig, die noch nicht so alt ist, wie die
Pyramiden es waren, als Abraham sie erblickte, während hinter den
Pyramiden eine überlieferte Geschichte von zwanzig Jahrhunderten lag.
Daß unsere eigene Zivilisation eine breitere Grundlage hat, von
vorgeschrittener Art ist, schneller sich bewegt und einen höheren Flug
hat als irgendeine frühere Zivilisation, ist zweifellos wahr; aber in dieser
Beziehung ist sie der griechisch-römischen Zivilisation schwerlich mehr
voraus als die letztere derjenigen Asiens; und wenn sie es auch wäre,
so würde das nichts über ihre Dauer und ihren künftigen Fortschritt
beweisen, falls nicht ihre Überlegenheit in solchen Dingen zu beweisen
ist, welche den schließlichen Zusammenbruch ihrer Vorgängerinnen ver
ursachten. Die herrschende Theorie nimmt dies nicht an.
Zn Wahrheit werden die Tatsachen der Weltgeschichte durch diese
Theorie, daß die Zivilisation das Ergebnis einer natürlichen Zucht
wahl sei, welche die Vervollkommnung und Erhöhung der Eigenschaften
des Menschen bewirke, nichts weniger als erklärt. Daß die Zivilisation
Zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten entstanden ist und sich
m verschiedenem Grade entwickelt hat, ist mit dieser Theorie nicht un
vereinbar, denn dies könnte von der Ungleichheit der treibenden und
widerstrebenden Kräfte herrühren; aber daß der Fortschritt überall
beginnt (denn selbst unter den niedrigsten Stämmen nimmt man einen
gewissen Grad von Fortschritt an) und nirgends dauernd war, sondern
überall zum Stillstand oder Rückgänge kam, ist damit absolut unverein
bar. Denn wenn der Fortschritt eine Vervollkommnung in der Natur
bes Menschen bewirkte und dadurch weiteren Fortschritt herbeiführte
so müßte, bis auf gelegentliche Unterbrechungen, die gewöhnliche Regel
doch die sein, daß der Fortschritt ein dauernder wäre — daß Schritt auf
schritt folgte und die Zivilisation sich zu höherer Zivilisation entwickelte.
Das Gegenteil davon ist nicht bloß die gewöhnliche, sondern die
allgemeine Regel. Die Erde ist das Grab toter Reiche, nicht weniger
als toter Menschen. Anstatt daß der Fortschritt die Menschen zu größerem
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