Full text : Fortschritt und Armut

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Kap.  I.

Die  herrschende  Theorie  des  menschlichen  Fortschrittes.

35  s

licht  gebracht,  in  Statuen  und  Schnitzereien,  nicht  von  härtern  und
formalem  Typus,  sondern  strahlend  von  Leben  und  Ausdruck,  welche  die
Kunst  kämpfend,  warm,  natürlich  und  frei  zeigen  —das  sichere  Merkmal
eines  tätigen  und  sich  ausdehnenden  Lebens.  So  muß  es  einmal  mit
allen,  jetzt  nicht  mehr  fortschreitenden  Zivilisationen  gewesen  sein.
Aber  nicht  bloß  diese  stillstehenden  Zivilisationen  vermag  uns  die
herrschende  Entwicklungstheorie  nicht  zu  erklären.  Die  Menschen  sind
nicht  bloß  auf  dem  Pfade  des  Fortschrittes  vorgegangen  und  dann
stehen  geblieben;  sie  sind  auch  weit  vorgeschritten  und  dann  zurückgegangen. ­
  Es  ist  nicht  bloß  ein  vereinzelter  Fall,  der  so  der  Theorie
gegenübersteht,  es  ist  die  allgemeine  Regel.  Jede  Zivilisation,
welche  die  Welt  bislang  gesehen  hat,  hatte  ihre  Zeit  kräftigen  Wachstums,
des  Stillstands  und  der  Stockung,  des  Sinkens  und  Fallens.  Von
allen  Zivilisationen,  die  erstanden  und  blühten,  sind  heute  nur  die  stehen
gebliebenen  und  unsere  eigene  übrig,  die  noch  nicht  so  alt  ist,  wie  die
Pyramiden  es  waren,  als  Abraham  sie  erblickte,  während  hinter  den
Pyramiden  eine  überlieferte  Geschichte  von  zwanzig  Jahrhunderten  lag.
Daß  unsere  eigene  Zivilisation  eine  breitere  Grundlage  hat,  von
vorgeschrittener  Art  ist,  schneller  sich  bewegt  und  einen  höheren  Flug
hat  als  irgendeine  frühere  Zivilisation,  ist  zweifellos  wahr;  aber  in  dieser
Beziehung  ist  sie  der  griechisch-römischen  Zivilisation  schwerlich  mehr
voraus  als  die  letztere  derjenigen  Asiens;  und  wenn  sie  es  auch  wäre,
so  würde  das  nichts  über  ihre  Dauer  und  ihren  künftigen  Fortschritt
beweisen,  falls  nicht  ihre  Überlegenheit  in  solchen  Dingen  zu  beweisen
ist,  welche  den  schließlichen  Zusammenbruch  ihrer  Vorgängerinnen  verursachten. ­
  Die  herrschende  Theorie  nimmt  dies  nicht  an.
Zn  Wahrheit  werden  die  Tatsachen  der  Weltgeschichte  durch  diese
Theorie,  daß  die  Zivilisation  das  Ergebnis  einer  natürlichen  Zuchtwahl ­
  sei,  welche  die  Vervollkommnung  und  Erhöhung  der  Eigenschaften
des  Menschen  bewirke,  nichts  weniger  als  erklärt.  Daß  die  Zivilisation
Zu  verschiedenen  Zeiten  an  verschiedenen  Orten  entstanden  ist  und  sich
m  verschiedenem  Grade  entwickelt  hat,  ist  mit  dieser  Theorie  nicht  unvereinbar, ­
  denn  dies  könnte  von  der  Ungleichheit  der  treibenden  und
widerstrebenden  Kräfte  herrühren;  aber  daß  der  Fortschritt  überall
beginnt  (denn  selbst  unter  den  niedrigsten  Stämmen  nimmt  man  einen
gewissen  Grad  von  Fortschritt  an)  und  nirgends  dauernd  war,  sondern
überall  zum  Stillstand  oder  Rückgänge  kam,  ist  damit  absolut  unvereinbar. ­
  Denn  wenn  der  Fortschritt  eine  Vervollkommnung  in  der  Natur
bes  Menschen  bewirkte  und  dadurch  weiteren  Fortschritt  herbeiführte
so  müßte,  bis  auf  gelegentliche  Unterbrechungen,  die  gewöhnliche  Regel
doch  die  sein,  daß  der  Fortschritt  ein  dauernder  wäre  —  daß  Schritt  auf
schritt  folgte  und  die  Zivilisation  sich  zu  höherer  Zivilisation  entwickelte.
Das  Gegenteil  davon  ist  nicht  bloß  die  gewöhnliche,  sondern  die
allgemeine  Regel.  Die  Erde  ist  das  Grab  toter  Reiche,  nicht  weniger
als  toter  Menschen.  Anstatt  daß  der  Fortschritt  die  Menschen  zu  größerem

.—,
            
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