Full text : Fortschritt und Armut

Das  Problem  des  individuellen  Lebens.

die  körperlichen  Kräfte  ab;  nur  dunkel  wird  er  sich  der  ungeheuren  vor
ihm  liegenden  Felder  bewußt,  er  beginnt  erst  seine  Kraft  zu  erfahren
und  zu  gebrauchen,  Beziehungen  zu  erkennen  und  seine  Sympathien
auszudehnen  —da  schwindet  er  bereits  mit  dem  Tode  des  Körpers  dahin,
wenn  dies  alles  ist,  so  scheint  hier  ein  Bruch,  ein  Mangel  vorzuliegen.
Sei  es  ein  Humboldt  oder  ein  Herschel,  ein  Moses,  der  vom  Pisgah
herunterschaut,  ein  Josua,  der  die  Heerscharen  führt,  oder  eine  jener
milden  und  geduldigen  Seelen,  die  in  engen  Kreisen  leben  und  Leben
ausstrahlen,  so  scheint,  wenn  der  hienieden  entfaltete  Geist  und  Lharakter
nicht  weiter  schreiten  können,  eine  Zwecklosigkeit  vorzuliegen,  die  unvereinbar ­
  ist  mit  dem,  was  wir  von  der  gegliederten  Folge  des  Weltalls
sehen  können.
Nach  einem  fundamentalen  Gesetze  unseres  Geistes  —  dem  Gesetze, ­
  aus  welches  sich  die  Nationalökonomie  tatsächlich  in  allen  ihren
Folgerungen  stützt  —  können  wir  uns  kein  Mittel  ohne  Zweck,  keine
Erfindung  ohne  Gegenstand  denken.  Nun,  der  ganzen  Natur,  soweit
wir  mit  ihr  in  dieser  Welt  in  Berührung  kommen,  bietet  die  Erhaltung
und  Beschäftigung  des  menschlichen  Verstandes  einen  solchen  Zweck
und  Gegenstand.  Aber  wenn  der  Mensch  selbst  nicht  etwas  höheres
hervorzubringen  oder  zu  etwas  höherem  emporzusteigen  vermag,  so
ist  sein  Dasein  unverständlich.  So  stark  ist  diese  metaphysische  Notwendigkeit, ­
  daß  diejenigen,  welche  dem  Individuum  etwas  über  das  irdische
Leben  Hinausliegendes  bestreiten,  gezwungen  sind,  den  Gedanken  der
Vervollkommnungssähigkeit  auf  die  Rasse  zu  übertragen,  wie  wir
jedoch  gesehen  haben  (und  wie  noch  viel  vollständiger  hätte  dargelegt
werden  können),  so  deutet  nichts  auf  eine  wesentliche  Rassenvervollkommnung. ­
  Der  menschliche  Fortschritt  besteht  nicht  in  der  Vervollkommnung ­
  des  menschlichen  Wesens.  Die  Fortschritte,  in  denen  die  Zivilisation ­
  besteht,  werden  nicht  in  der  Konstitution  des  Menschen,  sondern
in  der  Konstitution  der  Gesellschaft  erlangt.  Sie  sind  daher  nicht  feststehend ­
  und  dauernd,  sondern  können  zu  jeder  Zeit  verloren  gehen  —
ja,  sie  haben  fortwährend  die  Tendenz,  verloren  zu  gehen.  Und  wenn
das  menschliche  Leben  nicht  über  das  irdische  Leben  hinausreicht,  dann
stehen  wir  in  betreff  der  Rasse  derselben  Schwierigkeit  gegenüber,  wie
in  betreff  des  Individuums!  Denn  es  ist  ebenso  gewiß,  daß  die'Rasse
sterben  muß,  wie  daß  das  Individuum  sterben  muß.  wir  wissen,  daß
geologische  Verhältnisse  obgewaltet  haben,  unter  denen  menschliches
Leben  auf  der  Erde  unmöglich  war.  wir  wissen,  daß  sie  wiederkehren
müssen.  Selbst  jetzt,  wo  die  Erde  in  ihrer  vorgezeichneten  Bahn  kreist,
verdicken  sich  die  nordischen  Eishüllen  langsam,  und  die  Zeit  nähert  sich
allmählich,  wo  ihre  Gletscher  wieder  fließen  und  die  nordwärts  strömenden ­
  wogen  der  südlichen  Meere  die  Sitze  der  jetzigen  Zivilisation  unter
Gzeanwüsten  begraben  werden,  wie  sie  möglicherweise  heute  eine  einstige
ebenso  hohe  Zivilisation  wie  die  unsrige  bedecken.  Und  über  diese  Perioden
hinaus  erkennt  die  Wissenschaft  eine  tote  Erde,  eine  verlöschte  Sonne,
            
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