Full text : Fortschritt und Armut

Kap.  I.

33

Die  herrschende  Lehre  vom  Lohn,

durch  eine  Lohnermäßigung  verteuert,  oder  durch  eine  Lohnerhöhung
billiger  würden.
Kurz,  alle  die  Lehren  der  jetzigen  Nationalökonomie  sind,  in  dem
weitesten  und  wichtigsten  Teile  ihres  Gebietes,  mehr  oder  weniger
direkt  auf  die  Annahme  gegründet,  daß  die  Arbeit  von  dem  vorhandenen
Kapital  unterhalten  und  bezahlt  werde,  ehe  das  Produkt,  welches  deren
schließlichen  Zweck  bildet,  gewonnen  sei.  wenn  bewiesen  werden  kann,
daß  dies  ein  Irrtum  ist,  und  daß  im  Gegenteil  die  Erhaltung  und
Bezahlung  der  Arbeit  selbst  nicht  einmal  zeitweilig  das  Kapital  antastet, ­
  sondern  direkt  aus  dem  Produkt  der  Arbeit  entnommen  wird,
dann  ist  der  ganze  Oberbau  ohne  Stütze  und  muß  fallen.  Und  ebenso
müssen  damit  die  gewöhnlichen  Theorien  fallen,  die  ihre  Grundlage
gleichfalls  in  dem  Glauben  haben,  daß  die  in  Löhnen  zur  Verteilung
kommende  Summe  eine  fest  bestimmte  sei,  deren  einzelne  Anteile
durch  die  Vermehrung  der  Arbeiterzahl  notwendig  vermindert  werden
müßten.
Der  Unterschied  zwischen  der  landläufigen  Theorie  und  der  von
mir  vertretenen  ist  tatsächlich  demjenigen  ähnlich,  der  zwischen  dem
Merkantilsystem  und  der  von  Adam  Smith  an  dessen  Stelle  gesetzten
Theorie  besteht.  Zwischen  der  Theorie,  daß  der  Handel  der  Austausch
von  waren  gegen  Geld,  und  der  Theorie,  daß  er  der  Austausch  von
waren  gegen  Waren  sei,  mag  kein  faktischer  Unterschied  zu  bestehen
scheinen,  wenn  man  sich  erinnert,  daß  die  Anhänger  des  Merkantilsystems ­
  nicht  annehmen,  daß  das  Geld  einen  anderen  Nutzen  habe  als
den,  daß  es  gegen  waren  umgetauscht  werden  kann.  Dennoch  entspringt ­
  aus  der  praktischen  Anwendung  dieser  beiden  Theorien  der
ganze  Unterschied  zwischen  strengem  Schutz  und  Freihandel.
Habe  ich  genug  gesagt,  um  dem  Leser  die  äußerste  Wichtigkeit  der
Schlußfolgerungen  zu  zeigen,  durch  welche  ich  ihn  bitten  muß,  mir  zu
folgen,  so  wird  es  nicht  nötig  sein,  im  voraus  Kürze  oder  Weitschweifigkeit ­
  zu  entschuldigen.  Um  eine  Lehre  von  solcher  Wichtigkeit,  eine  von
so  gewichtigen  Autoritäten  gestützte  Lehre  vor  Gericht  zu  ziehen,  ist  es
nötig,  sowohl  klar  als  erschöpfend  zu  sein
wäre  es  nicht  deswegen,  so  würde  ich  versucht  sein,  die  Annahme,
daß  die  Löhne  aus  dem  Kapital  entnommen  werden,  mit  einem  einfachen ­
  Satze  abzufertigen.  Denn  das  ganze  große  Gebäude,  welches
die  herrschende  Nationalökonomie  aus  dieser  Lehre  ausrichtet,  ist  in
Wahrbeit  auf  einen  Grund  gebaut,  der  bloß  als  vorhanden  angenommen
ist,  ohne  daß  der  leiseste  Versuch  gemacht  wird,  den  Schein  vom  Wesen
zu  unterscheiden,  weil  die  Löhne  gewöhnlich  in  Geld  und  bei  vielen
Produktiven  Verrichtungen  eher  gezahlt  werden,  als  das  Erzeugnis
derselben  vollendet  ist  oder  benutzt  werden  kann,  so  wird  geschlossen,
baß  die  Löhne  aus  früher  vorhandenem  Kapital  entnommen  werden,
und  daß  somit  der  Gewerbsleiß  durch  das  Kapital  begrenzt  sei,  d.  h.
'baß  Arbeiter  nicht  beschäftigt  werden  können,  bis  Kapital  angehäuft
George,  Fortschritt  und  Armut.  5
            
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