Full text : Fortschritt und Armut

Spaten  brauchen  muß,  weil  er  nicht  Kapital  genug  für  einen  Pflug
hat,  die  Sichel  anstatt  der  Mähmaschine,  den  Dreschflegel  anstatt  des
Dampfdreschers;  wenn  der  Maschinenbauer  auf  den  Meißel  angewiesen
ist,  um  Eisen  zu  schneiden,  der  Weber  auf  den  Bandstuhl  usw.,  so  kann
die  Ergiebigkeit  des  Gewerbfleißes  nur  eine  verschwindend  geringe  sein
gegen  diejenige,  welche  erreicht  wird,  sobald  Kapital  in  Gestalt  der
besten,  jetzt  in  Gebrauch  befindlichen  Werkzeuge  ihn  unterstützt.  Auch
könnte  die  Teilung  der  Arbeit  nicht  über  die  rohesten  und  fast  unbemerkbaren ­
  Anfänge  hinausgehen,  noch  könnten  die  Tausche,  welche  sie  ermöglicht, ­
  sich  über  die  nächsten  Nachbarn  hinaus  erstrecken,  wenn
nicht  ein  Teil  der  produzierten  Dinge  beständig  vorrätig  oder  im  Transit
gehalten  würde.  Selbst  die  Geschäfte  des  Jagens,  Fischens,  Früchtesammelns ­
  und  der  Anfertigung  roher  Waffen  könnten  nicht  so  spezialisiert
werden,  daß  der  einzelne  sich  gänzlich  einem  derselben  widmet,  wenn  nicht
ein  Teil  dessen,  was  jeder  schafft,  von  der  sofortigen  Verzehrung  zurückbehalten ­
  wurde,  so  daß  derjenige,  der  sich  der  Anschaffung  des  einen
widmet,  die  anderen  Sachen  bekommen  kann,  sobald  er  sie  braucht,
und  das  Glück  des  einen  Tages  für  den  Ausfall  des  nächsten  Vorsorgen
lassen  kann.  Km  die  außerordentliche  Teilung  der  Arbeit,  welche  für
hohe  Zivilisation  so  charakteristisch  und.  notwendig  ist,  durchzuführen,
nruß  fortwährend  ein  großer  Betrag  von  Gütern  aller  Art  vorrätig
oder  im  Transit  gehalten  werden.  Um  den  Bewohner  eines  zivilisierten
Tandes  in  den  Stand  zu  setzen,  seine  Arbeit  nach  Belieben  mit  der  Arbeit
seiner  Umgebung  und  mit  der  Arbeit  von  Leuten  in  den  entferntesten
Teilen  der  Erde  auszutauschen,  müssen  Warenvorräte  in  Läden,  Speichern
Schiffsräumen  und  Eisenbahnwagen  vorhanden  sein,  genau  so,  wie
viele  Millionen  Eimer  Wasser  in  den  Reservoirs  einer  großen  Stadt
angehäuft  und  meilenweit  durch  Röhren  herbeigeleitet  werden,  um
die  Bewohner  derselben  in  den  Stand  zu  setzen,  jederzeit  ein  Glas  Wasser
Zu  trinken.
Aber  daß  das  Kapital  die  Form  oder  die  Ergiebigkeit  des  Gewerbfleißes ­
  beschränkt,  ist  etwas  ganz  anderes,  als  daß  das  Kapital
den  Gewerbfleiß  beschränke.  Denn  der  Ausspruch  der  herrschenden
Nationalökonomie,  daß  „das  Kapital  den  Gewerbfleiß  beschränkt",
bedeutet  nicht,  daß  das  Kapital  die  Form  oder  die  Ergiebigkeit  der  Arbeit
beschränkt,  sondern  daß  es  die  Ausübung  der  Arbeit  beschränkt.  Dieser
5atz  leitet  seine  Scheinbarkeit  von  der  Annahme  ab,  daß  das  Kapital
die  Arbeit  mit  Rohstoffen  und  Unterhalt  versorge  —  eine  Annahme,
die  wir  unbegründet  gefunden  haben,  und  deren  Verkehrtheit  in  dem
Augenblicke  einleuchtet,  wo  man  sich  erinnert,  daß  das  Kapital  durch  die
Arbeit  hervorgebracht  wird,  und  daß  daher  die  Arbeit  vorangehen  muß,
ehe  es  Kapital  geben  kann.  Das  Kapital  kann  die  Form  und  die  Ergiebigkeit ­
  des  Gewerbfleißes  beschränken,  aber  daß  ohne  Kapital  kein  Gewerbfleiß ­
  bestehen  könnte,  besagt  dies  so  wenig,  wie  man  sagen  kann,  daß  es
ohne  den  mechanischen  Stuhl  keine  Weberei,  ohne  die  Nähmaschine
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.