Die Ausdruckstätigkeit.
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gegenüber dem ungünstigen persönlichen Eindruck. Mit Recht sagt man,
daß der erste Eindruck in hohem Maße maßgebend ist für die gesamte
dauernde Beurteilung eines Menschen, auch wenn man später weiteres
Material zu seiner Beurteilung erhält. Das heißt: auch hier überwiegt
die Anschauung an Bedeutung über die Reflexion. Und wenn der geübte
Menschenkenner sich zutraut, nach einer Unterredung von zehn Minuten
einen Fremden beurteilen zu können, so besagt das zwar nicht dasselbe,
weil hier die Verarbeitung der Anschauung durch die Intelligenz stark
mitspricht, aber doch Ähnliches. Wenn man allgemein an eine in die
Tiefe gehende „Liebe auf den ersten Blick“ glaubt und es für möglich
hält, daß zwei Menschen nach kurzer Berührung wissen, daß sie zuein-
ander gehören, so spricht daraus wieder uneingeschränkt der grund-
legende Wert der Anschauung für die Erfassung der Persönlichkeit. —
Menschen, die in häufigen geselligen Beziehungen miteinander stehen,
haben durchweg bald eine feste Vorstellung über ihren gegenseitigen
sozialen Wert, insbesondere ihre relative soziale Position zueinander,
auch wenn sie gar keine Gelegenheit haben, die tatsächliche Leistungs-
fähigkeit der andern zu beobachten, aus dem bloßen Eindruck heraus.
Sie haben bald eine sichere Vorstellung, ob der einzelne nach seiner
Persönlichkeit über oder unter ihnen steht. Vielfach werden die ein-
zelnen sogar weiter im Verhältnis zueinander bewertet, sodaß eine Art
durchgängige Rangordnung für die Auffassung entsteht, innerhalb deren
jeder einzelne seine feste Stellung hat. Die Grundlage bildet auch hier
lediglich der anschauliche Eindruck.
Lehrreich ist auch das Schicksal jenes von Strindberg eindringlich geschilderten
Typus von Menschen, der sich nicht (oder nicht hinreichend) behaupten und durch-
segen kann, ohne daran eine andere Schuld zu tragen als einen Mangel an Sicher-
heit und Selbstbewußtsein beim Auftreten. Er muß es z. B. erleben, daß andere,
die nach iBhm gekommen sind, vor ihm abgefertigt werden. Er erlebt es insbesondere,
daß seine Worte ungehört verhallen, während genau dieselben Worte hinterher von
einem anderen Mund wiederholt, Eindruck machen — eine lehrreiche Erläuterung
des bekannten Sates: Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe. Daß ein solcher
Mensch anderen nachgeseöt wird und warum, das kommt denjenigen, die ihn so
behandeln, in der Regel gar nicht zum Bewußtsein: der beste Beweis dafür, daß man
die Tatsachen der Gesellschaft unter der Voraussegung eines rein rationalen und be-
wußten Verhaltens überhaupt nicht begreifen kann.
Man muß sich klar machen, in welch überwiegendem Maße ganz allgemein die
Anschauung gegenüber der Reflexion unser Verhalten und Handeln bestimmt. Na-
mentlich eine entwickelungsgeschichtliche Erwägung legt uns diesen Gedanken nahe.
Für das Verhalten der Tiere kommt als bestimmender Reiz lediglich der anschau-
liche Eindruck in Frage, da sie eine Intelligenz in unserem Sinne jedenfalls nicht
besigen. Bei der Menschheit hat die hinzugetretene Reflexion als jüngere Erwerbung
zwar die Macht der Anschauung beeinträchtigt, aber dieser angesichts ihrer Prioritäts-
ansprüche die Übermacht doch lassen müssen. Wir müssen uns weiter von dem Vor-
urteil befreien. als ob die Persönlichkeit unserer Mitmenschen nur als ein Inneres“