Ausblicke, IV.
267
wertvollen“ von der Spreu der „historisch wertlosen“. Nun, der Sache
nach hüllt sich in diese Verweisung auf den „historischen Wert“ nichts
anderes, als eine Rückverweisung auf den einzelnen Fall;
vor dem man zweifellos klug steht, kraft der Gewalt des gesunden
Menschenverstandes über nächstliegende Erwägungen, aber auch nicht
um ein Haar klüger als zuvor. In der Form also läuft hier die
Empirie über den Umweg eines bloßen Wortes in sich selber zurück.
Für die Theorie kommen die Schallwellen des Wertlautes auf; die
gewiß sehr feierliche sind, weil aus ihnen der natürliche Respekt
unseres Denkens vor seinem Großen Helfer herausklingt — wie es ähn
lich zwischen dem Kranken und Arzt oder Gelehrten und Bibliothekar
zutrifft. Dem Forscher, um es zu wiederholen, dürfen diese allge
meinen Erwägungen für seine eigene Arbeit herzlich gleichgültig
bleiben. Ihm verschlägt es daher auch nichts, wie immer jenes ver
logenste aller Worte auch hier sein Unwesen treibt, und welche „Ver
dienste“ es sich um unsere Erkenntnis erwirbt. Nun ist aber die
Neugier nicht unbefugt, und ihre Stillung nicht in allen Fallen uner
beblich, wie denn eigentlich jener lösende Gedanke aussieht, über
den man sich so bequem ausschweigt, indem man tief bewußt und
salbungsvoll ein Wort ausspricht. Beim Hangen am Worte weiß
uian ja zu keiner Zeit, von wieviel Dingen wir nichts wissen, die
a ber noch lange nicht unser Ignorabimus, sondern schlichtbürgerlich
unsere Ignoranz berühren. Besonders jenes verdächtige „Lieblingswort
der Gegenwart“, wie es höchst treffend genannt wurde, ist allezeit ein
Feigenblatt unserer Wissensblöße. Und hier handelt es sich um ein
Wissen höchst bescheidener Güte, fast um einen Gemeinplatz; der
dennoch gewußt sein will, und nicht bloß gewörtelt. Es ist aber
klar, die Einsicht in den allgemeinen Grund der Auswahl, die kann
nur aus der Erkenntnis entspringen, weshalb es überhaupt zu einer
Auswahl kommt; der Scheidegrund der Wahl hat notwendig mit dem
F>aseinsgrund des Wählens zu tun. Der aber fällt ebenso klar in den
bereich der allgemeinen Erwägungen, die ich nun pflegen will. Aus
Di esen muß sich also auch die Richtschnur der Auswahl ergeben;
gleichsam als eine der Verlängerungen, die über das grundsätzliche
Verhältnis zwischen Denken und Stoff sich hinüberziehen lassen nach
dem zwischen Forschung und Material. Ihr wirklicher Zug bedarf
kaum der Andeutung.