Ausblicke, X.
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dem Umwege des mit unserem Denken verwachsenen Handelns.
Das steht durchaus nicht in Widerspruch dazu, wenn ich so oft von
den „schöpferischen Begriffen“ rede; es sind dies die Einheiten des
lebendigen, „handelnden“ Denkens, die zwar dem vollziehenden Ge
schehen vorantreten, aber trotzdem dem Handeln verpflichtet sind.
Unser Denken ist dem Handeln, im Sinne der „neuen Begriffe, die sich
dann erst im Geschehen ausleben“, nicht um mehr voraus, als um
einen Schritt aus vielen Schritten. Nie gleich um tausend Schritte,
wie es etwa der Vorstellung gemäß wäre, daß ein Haufe „Urmenschen“
Zusammentritt und kundtut: „Genug des Strolchens und Raufens, wir
gründen nun einen Staat!“. Das überspringt 999 Zwischenglieder, die
sich vorher im Geschehen vollziehen müßten. So ist auch der
«schöpferische Begriff“, vom ersten Anfang an, nur zum Teile frisch
Gedachtes, zum größten Teile ist er selber durch das Handeln hindurch
gegangen. In diesem Sinne steht auch bei ihm der Umweg über das
Handeln in Geltung. Aber weil es ein Umweg nur über das mit
unserem Denken verwachsene Handeln ist, so ändert sich
nichts an der Tatsache, daß alle Gegenstände dieser Welt unserem
Denken völlig in die Hand geliefert sind 1 Sie sind durchaus nichts
Vorgegebenes, das sich erst im Walten isolierender und generali
sierender Abstraktion, im Vergleichen von „Merkmalen“ überdenken
ließe; sie lassen sich gleich einzeln von der Wurzel
aus durchdenken. Darauf beruht der außerordentliche Gegensatz
zwischen den Artbegrififen hier und den Artbegrififen dort. Selbst für
den weiteren Ausbau des Systems werden hier die verschiedenen Arten
nicht aneinander „abgepaßt“, wie sie zu höheren sich vereinen ließen;
es ergeben sich die niederen mit der Abwandlung der vom Denken
vorweggenommen höheren. Ich will es doch lieber betonen, daß hier,
beim Zimmern bloßer Systeme, von „Induktion“ genau so wenig die
Rede sein kann wie von „Deduktion“.
Allein, für jene Gegensätze ist unser Denken um des lieben Wortes
willen blind! Im tätigen Vollzüge profitiert es natürlich von der
günstigeren Lage; aber es gefällt sich trotzdem in der Rolle des ver
dienstvollen Ordners „von Grund aus“. Auch die Welt des Handelns
sieht man als ein Kunterbunt vor sich, das erst reihum bei seinen
Namen zusammengefangen sein will, um es dann nach seinen „Merk
malen“ hübsch einzufächern, in recht sorgsam gezogene Rubriken.
Hierher die Bemerkung, daß Worte als Natur behandelt werden 1 Auch
jene andere spielt da herein daß mit den Worten ein Schleier auf dem
Aufbau dieser Welt ruhe: weil eben vor dem übermittelnden Worte
unser Denken einfach vergißt, daß sein Blick so durch und durch zu