Ausblicke, XII.
307
Meinung, aber vielfach auch jener der wissenschaftlichen Logik, zwischen
„der“ Nationalökonomie auf der einen, und einer gewissen
„Wirtschaftsgeschichte“ auf der anderen Seite bestünde; jener
„Wirtschaftsgeschichte“, die man auf dem Koppelfelde der „Gebiete“
so friedlich weiden sieht, neben „Politischer Geschichte , „Verfassungsgeschichte“,
„Rechtsgeschichte“ und so weiter; fehlt gerade noch die
„Naturgeschichte“.
Das Verhältnis zwischen Kern und Anhängsel gilt so sehr in
verkehrtem Sinne, daß man von dem grundsätzlichen Veto absehen
kann, und der Gedanke an „Teilwissenschaften“ kommt doch nicht
auf. Eine Teilung greift allerdings Platz. Ist der Schmetterling ausgekrochen,
bleiben jene Art Lehrbücher als bloße Hülle zurück. Ihre
Folge wird weitergehen, weil gewisse Lehrzwecke es verlangen. Man
kann in ihrer Folge ruhig eine Einheit für sich sehen und von einer
Wissenschaft sprechen; Patent auf dieses Wort ist nicht genommen.
Jene Wissenschaft kann man „Systematische Nationalökonomie“ oder
w ie immer nennen. Nur übersehe man das untergeordnete Verhält
nis nicht, das vor der schildernden Wissenschaft diesem Kadaver
ßer alten Lehrbuchswissenschaft zusteht I
Schon ihr Wesen darf nicht verkannt werden. Ein eigentlicher
Fortschritt ist da ausgeschlossen. Er war bei dieser „Systematischen
Nationalökonomie“ von jeher nicht gut möglich: aber wahrhaftig
nicht, weil es bekanntlich „Klassiker“ gewesen sind, die erst den
richtigen Anfang gemacht haben. Der Fortschritt hat ausbleiben
müssen, weil hier das Anfängen so gut wie alles istl Denn hier ist
doch die Gemeine Erfahrung der Rohstoff. Das aber, was
jedem zur Verfügung steht, braucht nur ein erstes Mal in wissenschaftlicher
Form, in der Abgerundetheit eines Systems, ausgesagt zu
■werden: dann ist der Anfang gemacht, der im Grundsätze schon das
Ende bedeutet — ein Anfang, der sich nicht fortsetzen, der sich immer
nur wiederholen läßt. Wohl muß sich auch die Gemeine Erfahrung,
mit ihrem Wurzelgrunde, mit dem Alltage, nach Zeit und Ort abschatten;
allein es fällt dies am wenigsten dort in Betracht, wo vor
allem die Grundlinien des gewissen Flechtwerkes nachgedichtet werden,
wo also die Gemeinste Erfahrung im Kerne steht. Außerdem
bildet sich neben diesem Ausgang vom Gleichen starrste Tradition
aus - Es wird aus den alltäglichsten der Alltagsworte ein System bereitet.
Mit diesen Worten, und ihren Mithelfern am ersten System,
schleppt sich die Tradition weiter; und in deren wortschalen Rahmen
geschieht es, daß eigentlich jeder von vorne anfängt. Sie steigen
sich nicht auf die Schultern, sie steigen sich mehr auf die Köpfe. Im
20*