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„Die Grenzen der Geschichte“,
in den hinzugetretenen Ausführungen auch dem Ideengange der be
deutungsvollen Worte gerecht werde, mit denen Windelband jene
Diskussion zu sachlichem Abschluß brachte.
Was aber den Vortrag selber anlangt, so war er nach seinem Inhalt
gewiß nicht unangebracht. Ich bin mir bewußt, daß ich mit meiner
Stellungnahme gegen die „naturwissenschaftliche Weltanschauung“
zahlreichen Historikern und Nationalökonomen aus der Seele spreche,
und dem nur Worte leihe, was sich an letztgründigem Widerspruch
gegen Strebungen au gesammelt hat, die unseren Disziplinen fremdartig,
mit ihrem Wesen unvereinbar sind. Auch die jüngst erschienene
prächtige Studie E. Meyers, „Zur Theorie und Methodik der Ge
schichte“, ist mir dafür ein wertvoller Beleg.
Übrigens habe ich noch meinen besonderen Zweck verfolgt. Es
hängt dies mit der Entstehung dieser Arbeit zusammen. Ihr Grund
gedanke — die Irrelevanz aller (historisch-)geologischen und bio
genetischen Erkenntnis für die Geschichtswissenschaft, der grundsätz
liche Abstand beider Erkenntnisarten, der bis zur völligen Be-
ziehungslosigkeit ihrer Ergebnisse geht — beschäftigte
mich bei meinen methodologischen Erwägungen bereits früher. Aus
druck habe ich ihm zuerst in meinen Heidelberger Vorlesungen über
„Theoretische Grundfragen der Nationalökonomie“ (Sommersemester
1901) gegeben; und bald darauf hat dieser Gedanke in meiner program
matischen Schrift „Die Herrschaft des Wortes“ (Jena, Gustav Fischer,
1901) andeutungsweise Aufnahme gefunden. Nur erscheint er dort
(vgl. S. 301 f.) in einer Formulierung, die ich später gegen eine mir
zweckmäßiger erscheinende vertauscht habe.
Das Problem hat sich mir ursprünglich so gestellt, ob es denn
wahr sei, daß man beim Vordringen in eine immer fernere Vergangen
heit aus der Historie oder Nationalökonomie schließlich unversehens
in die Geologie gelangt. Diese Frage erhält ihre praktische Bedeutung
durch meine Auffassung der Nationalökonomie, als einer Schwester
wissenschaft der Geschichte, als „Erfahrungswissenschaft vom Alltags
leben aller Zeiten“, wie ich es schlagwörtlich ausdrücke. Muß nun für
den Teil der überlieferungslosen „Urzeit“ der Nationalökonom dem
Anthropologen, dem „Naturwissenschaftler“ den Platz räumen? Für
den „äußeren“ Forschungstrieb gewiß; wer unter Steinen und Ver
steinerungen stöbert und sichtet, dem müssen naturgemäß auch Gräber
und Kulturreste aufstoßen. Die Deutung der Funde aber kann,
für die Dauer wenigstens, unmöglich dem mehr naturwissenschaftlich
geschulten und auch naturwissenschaftlich denkenden Anthropologe 11
überlassen bleiben. Nicht aus kleinlichem Zunftneid erhebt der National'