Abschnitt II.
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danken gleichsam in die Breite, führen uns zu ähnlichen Geschehen,
zu analogen Wirkungen; alle Erscheinungen des Neptunismus, Erosion,
Ablagerung und ähnliches, treten dann vor unseren Geist. Aber ge
stehen wir es nur, auch da geschieht nirgends etwas, das uns um
seiner selbst willen, schon als Geschehen fesseln könnte, genau wie
an Ort und Stelle selbst. Überall ist es nur der Wandel im
starren Sein, überall gleichsam nur die Verschiebung der Kulissen,
was an diesem Schauspiel unser Interesse erregt. Wenn auch die
Geologie an dem Ausdruck „Erdgeschichte“ festhält, es geschieht
da so recht nichts — es wandelt sich nur das Seiende.
Selbst die alte und so dramatische, die „revolutionistische“ Auf
fassung in der Geologie hat nur ein überstürztes Tempo beim Kulissen
wechsel bedeutet, während der letztere bei der modernen Auffassung
mehr ein allmählicher ist, einer, der in seinem Hergang klar vor uns
liegt, gleichsam bei offener Szene sich vollzieht. Da wie dort aber
kommt das Geschehen nicht zu seinem eigenen Recht; es verknüpft
sich nicht in Zusammenhängen, die wir um ihrer selbst willen zu
durchschauen trachten. Wenn man vom Kausalzusammenhang absieht,
der hier alles durchflechtend gedacht wird, dann bleibt nur eines
übrig, was einen für uns erfaßlichen Zusammenhalt im Geschehen
begründet, von Etappe zu Etappe: Es sind die Formen des Seins, die
räumlichen Dinge, Gestaltungen, wie sie einstens waren, wie sie heute
vorliegen. Das Geschehen, das vor dem Auge des Geologen aufwacht,
erstarrt stets wieder zu einem Sein, von Schicht zu Schicht; das
Geschehen selber besagt nur den erklärenden Ein
schub. So leitet uns auch das Bild der starrenden Blöcke sofort zur
Vorstellung der festen Granitschicht, die vorher dagewesen sein muß,
dem Geiste der Erklärung gemäß. Der Prozeß der Verwitterung aber
hat nur die Bedeutung, daß er aus der einen Form der Gesteinslage
in die andere hinüberführt; und so ist es überall, durch die ganze
historische und dynamische Geologie 1 Denn immer nur so macht uns
die Geologie einen Bestandteil der Erdrinde aus der Zeit begreiflich,
daß sie ihn nach seiner Lagerung zu seinesgleichen als Schicht er
faßbar macht.
Es ist aber keine bloße Nutzanwendung der Erkenntnis, wenn uns
hier die räumlichen Dinge, z. B. also die Blöcke, aus der Zeit be
greiflich werden. Es ist dies geradeaus der Sinn der geologischen
Erkenntnis. Vor uns liegt die Erdrinde, in allen ihren Formen, ihren
Bestandteilen und Einschlüssen; und in diese Fülle der Gestaltungen
will die historische Geologie Ordnung bringen. Sie sucht das
Nebeneinander der Dinge in ein Nacheinander zu wandeln, um
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