Vorbemerkungen.
Unter dem allgemeiner verständlichen Namen einer „Theorie des
Individuellen“ lege ich hier eine methodologische Untersuchung vor,
die in schärferer Ausdrucksweise zu bezeichnen wäre als eine Analyse
des idiographischen Verfahrens. Der von Windelband
eingeführte Ausdruck „id io graphisch“ will jenes Erkennen, jene
Denkweise bezeichnen, die auf die Erfassung des Besonderen,
schließlich also des „Individuellen“ ausgeht; im Gegensatz zum „no
mothetischen“ Erkennen, dem die Erfassung des Allgemeinen,
schließlich also des „Gesetzes“ eigen ist Da nun die „idiographische“
Denkweise dem Vorgänge des Historikers, die „nomothetische 1 aber
dem Vorgänge des Naturforschers das Gepräge verleiht, hat Rickert
jenen — fundamentalsten — Gegensatz im Erkennen als den
Unterschied zwischen „historischer“ und „naturwissenschaftlicher“
Begriffsbildung formuliert. Nicht bloß, weil Rickerts Formulierung
zu Mißverständnissen Anlaß gab, sondern auch aus sachlichen Er
wägungen halte ich an Windelbands Ausdrücken fest.
Es hieße nämlich die Mißverständlichkeit auf die Spitze treiben,
zu sagen, daß die Sozialwissenschaft methodologisch danach zu kenn
zeichnen sei, wie sie aus „historischen“ und „naturwissenschaftlichen“
Bestandteilen sich aufbaue. Hier gereicht der Ausdruck langsam der
Sache selber zum Fehler. Den hochbedeutsamen Gedanken, der hier
unterliegt, darf man wohl nur mit der These aussprechen, daß die
Sozialwissenschaft ihr methodologisches Fundamentalproblem in
der Frage zu suchen hat, wie sich in ihrem Bereiche no
mothetische und idiographische Denkweise zu
einander stellen.
Karl Menger hat gleich auf der ersten Seite seiner „Unter
suchungen“ mit größter Klarheit den Gegensatz zwischen der Er
kenntnis des „Generellen“ und jener des „Individuellen betont. Damit
war 1883 der Gedanke vorweggenommen, der ein Jahrzehnt später als
der Leitgedanke einer neuen Strömung in der fachwissenschaftlichen
Logik auftaucht. Dies gereicht der sozialwissenschaftlichen Methodo