Umrisse einer Theorie des Individuellen, Vorbemerkungen.
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darin erschöpft, uns über das nomothetische Denken aufzuklären;
gegenüber der anderen, durchaus ebenbürtigen Denkweise war
sie völlig blind geblieben.
So liegt als methodologische „Lehre vom Besonderen“ eigentlich
nur Rickerts Theorie der historischen Begriffsbildung
vor; abgesehen von vereinzelten wertvollen Aufschlüssen, die wir z. B.
Dilthey, Sigwart, namentlich aber Schuppe verdanken — der
mir bei der Abfassung meiner ersterwähnten Schrift sträflicherweise
unbekannt geblieben war, bis mich Bernheims machtvoll fort
schreitendes Werk auf ihn verwies.
Rickerts Lehre scheint mir ihren charakteristischen Ausdruck
in dem Satz zu finden: „In die historischen Begriffe gehört eben das,
was sich durch die bloße Beziehung auf allgemein anerkannte Werte
heraushebt, und zu individuellen Einheiten zusammenschließt.
„Grenzen“ S. 371. Dieser Gedanke ist bei Rickert vielleicht nicht
ganz einwandfrei unterbaut; aber er bewährt sich durch eine außer
ordentlich fruchtbare Anwendung, die Rickert selber für die Er
läuterung des historischen Erkennens von ihm macht. Wie es aber
jeder Vorstoß in neue Bahnen mit sich bringt, bleibt im einzelnen viel
zu ergänzen. Insbesondere läßt Rickert den Ausdruck „Beziehen
auf Werte“ im Grunde doch unaufgelöst. Auch ist gerade für die
Orientierung der Fachmethodologie gar manches nach
zuholen. Dies versucht nun der vorliegende Aufsatz.
Er unternimmt es, wie erwähnt, das idiographische Verfahren zu
analysieren, und zwar im Geiste einer Methodologie der Dar
stellung. „Darstellung“ nicht etwa als die Art und Weise gemeint,
wie sich die Ergebnisse der Wissenschaft in eine sprachliche oder
sonstige Form kleiden: es handelt sich vielmehr um die gedank
liche Formulierung dieser Ergebnisse, in der Form nämlich von Be
griffen. Diese gedankliche Formulierung, als Begriffsbildung
gemeint, ist eben eine andere, je nachdem unser Erkennen das All
gemeine oder das Besondere als Ziel wählt. Der letztere Fall kommt
für die vorliegende Untersuchung in Betracht.
Ihre Probleme entlehnt diese Untersuchung dem Windelband-
Ricke rt sehen Gedankengang. In der Durchführung muß sie vielfach
ihre eigenen Wege gehen. Sie zerlegt das idiographische Verfahren in
seine Phasen, erörtert hierauf den durchgängigen Zusammenhang seiner
Ergebnisse und wendet sich dann noch seinen Voraussetzungen zu.
Sozialwissenschaftlich von Belang ist diese Untersuchung
unmittelbar deshalb, weil sie jene wissenschaftlichen Darstellungsformen
kennen lehrt, deren sich gleich allem idiographischen Erkennen auch
V. Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft als Leben. z 9