Umrisse einer Theorie des Individuellen, I, A.
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eine Leistung auf, die im Dienste bestimmter Ziele unseres Denkens
vollzogen wird. Diese Leistung kann nicht dem Worte „X-Berg“, als
solchem, zugesprochen werden, sondern dem, was dieses Wort zu
einem Eigennamen macht. Dieses, einem Worte verknüpfte Ge
dankending, das uns als Träger jener Leistung gilt, dürfen wir zweifel
los einen Begriff nennen. Nur ist das kein Begriff im landläufigen
Verstände des Wortes, kein Allgemeinbegriff; denn indem der
Allgemeinbegriff das Gemeinsame, also das vom Einzelnen zum
Einzelnen Wiederkehrende festhält, ist mit ihm gerade das erfaßt, was
eine unbestimmte Vielheit Einzelner untereinander verwechselbar
macht. Umgekehrt beruht aber das logische Wesen jenes Begriffes,
der ein Wort zum Eigennamen wandelt, gerade darin, daß er das be
nannte Ding unverwechselbar macht. Einen Begriff nun, dem
in solcher Weise der Bezug auf ein einziges Konkretum
im Wesen liegt, nenneicheinen Sonderbegriff. Sein einwört
licher Träger ist der Eigenname, sein Substrat ist das Singuläre;
genauer gesagt, ist sein Substrat jenes Konkretum, auf das wir mit
ihm Bezug nehmen, und das gerade durch ihn zu etwas gedanklich
Bestimmtem wird, so daß es auf einen Eigennamen Anspruch hat.
Ohne Mißverständnis kann nunmehr von einem Begriffe „X-Berg“
gesprochen werden, der das Konkretum dieses Namens in unserer Ge
dankenwelt vertritt. So läßt sich unserem Beispiele auch ein Begriff
„Dingskirchen“ entnehmen, ein Begriff „Plateau von Dingskirchen“, ein
Begriff „Höhenzug A“, ein Begriff „Y-Gebirge“. Ausnahmslos sind
dies Paradigmen für den Sonderbegriff. Von Diesem ist uns bis
her bloß seine spezifische Leistung bekannt geworden, auf der aller
dings sein logisches Wesen beruht. Nun wenden wir uns dem
inneren Aufbau des Sonderbegriffes zu. Wir suchen die Be
dingungen aufzudecken, an welche seine spezifische Leistung gebunden
erscheint, legen also den Begriff nach seinen logischen Elementen
auseinander. Nur von diesem logischen Gesichtspunkte aus wird
hier von der „Bildung“ dieses idiographischen Begriffes gehandelt. Da
gegen sehen wir nach wie vor prinzipiell davon ab, wie sich dieser Be
griff dem tatsächlichen Hergang nach herausgestaltet, also im
psychologischen Sinne; sei es nun im betreffenden einzelnen Falle oder
im allgemeinen.
Mit der Bildung des Sonderbegriffes erscheint die logische Auf
gabe gelöst, ein Konkretum zu einem gedanklich bestimmten
Einzelnen zu machen, sagen wir kurz, ein Konkretum zu
singularisieren. Für diesen Umsatz anschaulicher in gedankliche
Bestimmtheit ist unser begriffliches Denken kompetent; dieses