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,Zur sozialwissenschaftlichen Begriffsbildung 11 ,
unseres beschränkten Intellektes sein soll, und daher, sofern er selber
die Schranken überschreitet, sich selbst verneint. Werkzeug aber soll er
in dem Sinne sein, daß er uns in seiner möglichst umfassenden An
wendung die Wirklichkeit geistig zu beherrschen hilft; ob man diese
Anwendung nun als „Erklärung“, oder als „einfachste Form der Be
schreibung“ deuten mag. Der Individualbegriff dagegen ist nie in
diesem Sinne ein bloßes Werkzeug weiterer Gedankenarbeit; wir
werden sehen, daß von ihm das idiographische Erkennen, als Ganzes
betrachtet, niemals Anwendung machen kann, ohne ihn nicht
selber wieder zu vertiefen! Alle Gedankenarbeit seiner An
wendung mündet wieder in ihn selber aus, weil er für sich selbst
schon gleichsam den Weg versinnlicht, den unser Denken in
die Wirklichkeit hinein zu finden weiß. Das „Gerade-
da-sein“ und das „Gerade-so-sein“, die „brutale Gegebenheit“ des
Wirklichen, sie bringt der Individualbegriff soweit in Einklang mit der
„diskursiven“ Natur unseres Erkennens, wie dies eben noch möglich
ist. Jedenfalls braucht er nicht zugunsten seiner Anwendung möglichst
einfach zu sein, weil ihn eben diese Anwendung doch wieder
kompliziert; und auch komplizieren darf, weil er selbst schon am
letzten Auslauf des Erkenntnisstrebens liegt, das sich des
Besonderen der Dinge annimmt. Es ist daher auch gar nicht not
wendig, daß der Individualbegriff einer Definition zugänglich wäre.
Jede Definition desselben würde uns unter den Händen weiter
wachsen und sich damit selber aufheben. Dem Äußeren nach mag
also sein Inhalt, und den bilden jene abschließenden Aussagen, von
lockerstem Gefüge sein, seine Einheit leidet darunter doch nicht.
Während der Allgemeinbegriff stets nach der gedrungenen Gestalt
einer Formel strebt — sei es in mathematischer Reinheit, wie bei
den „Naturgesetzen“, sei es mehr in symbolischer Gestalt, wie in der
Chemie, oder, noch deutlicher klassifikatorisch, in Gestalt einer
„Zahnformel“, einer „Blütenformel“ — kann sich der Inhalt des
Individualbegriffes sozusagen über ein ganzes Buch hindehnen.
Und es bleibt doch Ein Begriff, nicht bloß deshalb, weil alle Teil-
inhalte einträchtig auf das nämliche Konkretum reflektieren. Die
Einheit des so weithin Verstreuten ist auch als eine innere da.
Darüber einige Worte.
Zwei arthafte Bestimmungen, als Teilinhalte eines Art
begriffes, z. B. „Berg aus Kalk“ und „zerklüfteter Berg“, weisen
sich als zusammenhängende aus, sobald sie sich über das Mittel
glied eines höheren Artbegriffes hinweg verbinden lassen. Hier
wäre es der Begriff der „Verwitterung“, der sich auf „Kalk“, „Granit“,