Full text: Wirtschaft als Leben

494 
,Zur sozialwissenschaftlichen Begriffsbildung“, 
schied aus, ob die Gliederung gleich an nächster Stelle, bei den um 
fassenden Teilsystemen, oder erst in den fernen Einzelheiten eine 
scharfe ist. So hat der Westen der Balkanhalbinsel in diesem intensiven, 
der Osten hingegen in jenem extensiven Sinne einen hohen Struktur 
wert; im Westen die ominöse „Zerrissenheit“, im Osten die klare An 
ordnung nach großen Maßen. 
Es ist bezeichnend, daß wir instinktiv geneigt sind, uns die In 
dividualität der Dinge ganz anders zu vergegenwärtigen, je nach 
dem es sich um umfassende oder um minder umfassende 
Systeme handelt. Im ersteren Falle halten wir uns mehr an den 
System- und Strukturwert, somit an die Anerkenntnis einer klaren 
wohlgegliederten Einheit; im letzteren Falle berufen wir uns mehr 
auf den Individual- und Charakterwert, wir fassen die Mission ins 
Auge, die dem Einzelnen im Rahmen eines höheren Ganzen zufällt. 
So wäre man versucht, zwischen Samtindividuen und Einzel- 
individuen zu unterscheiden; jene wären mehr auf das kollektive, 
diese mehr auf das funktionelle Moment abgestimmt. Wie sich 
diese Eindrücke selbst gegen über den sprichwörtlichen Individuen, 
den „auf dem Ich aufruhenden Einheiten“ geltend machen, gehört 
nicht mehr hierher; nur soviel, daß wir bei der „episodischen Figur“, 
die bloß mit einer vereinzelten Handlung der Geschichte anheirnfällt, 
auch mehr nur das Funktionelle würdigen; während der „Held“, der 
eine ganze Epoche tragen hilft, uns sofort auch als Einheit, somit also 
auf System- und Strukturwert hin interessiert. Wir sagen dann etwa, 
daß wir Charakter und Wirken von ihm in ihren verwickelten Be 
ziehungen aufzudecken suchen. Im Vorstellungskreise unseres Beispiels 
aber tritt eine Scheidung zwischen Samt- und Einzelindividuum 
besonders dort versucherisch an uns heran, wo auf der einen Seite 
ein umfassendes Kollektivum steht, etwa ein ganzes Gebirgs- 
system, das uns höchstens im Kartenbilde als anschauliche Einheit er 
scheint; ihm gegenüber aber so recht ein „Einzelding“, eine Einheit 
nämlich, so wuchtig anschaulich, daß wir uns immer erst besinnen 
müssen, wie auch hier ein System, ein Kollektivum vorliegt, wie also 
z. B. auch der Berg erst noch das Ganze seiner Hänge ist. Mit dem 
Berge verglichen, empfinden wir übrigens schon den Höhenzug als 
Kollektivum und demgemäß als Samtindividuum, weil hier der Teil 
dem Ganzen bereits an Anschaulichkeit überlegen ist. 
Solchen Eindrücken zum Trotz kann aber die Scheidung zwischen 
Samt- und Einzelindividuen nicht den Anspruch erheben, mehr als eine 
relative zu sein. Sie hängt in letzter Linie mit der Scheidung 
zwischen dem Passiv- und dem Aktiv-Individuellen zusammen; und
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.