Full text: Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre

Wettbewerb und Zusammenarbeit. 85 
Es wäre ein noch größerer Irrtum, als Grundsatz 
aufzustellen, daß der Wunsch nach Gewinn notwendigerweise 
mit dem allgemeinen Interesse zusammentrifft, und zwar weil 
das Gesetz von Angebot und Nachfrage denen die größten 
Gewinne "sichert, die am besten den Bedürfnissen des Ver 
brauchers dienen. Nein, die höchsten Preise — und folglich 
diejenigen, die die höchsten Gewinne verschaffen — sind nicht 
notwendigerweise diejenigen, die den dringendsten Bedürf 
nissen entsprechen; es sind diejenigen, welche die Wünsche oder 
Launen einer kleinen Anzahl Bevorzugter befriedigen, die 
zahlen können, ohne zu rechnen. Das Gesetz von Angebot 
und Nachfrage ist zweifellos unbestreitbar, und es wird sich 
nicht mehr als der Eigennutz beseitigen lassen, wenn es auch 
heutzutage durch die neue Richtung der Volkswirtschaftler 
sehr in Mißkredit geraten ist, aber es schließt keine moralische 
Wertung noch eine Zweckbedeutung in sich ein. 
Und was die wohltätige Leistung des Gewinns anlangt, 
wieviel wesentliche, ursprüngliche Bedürfnisse, die der Wunsch 
nach Gewinn eher zu befriedigen hindert! Soll ich ein ganz 
aktuelles Beispiel geben? Welches ist das allgemeinste Be 
dürfnis in diesem Augenblick? Das der Wohnung: eins der 
dringendsten Bedürfnisse — nicht nur vom Standpunkt des 
Privatmanns aus, weil es für einen Familienvater kein 
schlimmeres Leid gibt, besonders wenn er viel Kinder hat, 
keine Wohnung zu finden oder sie nur unter vernichtenden 
Bedingungen zu finden — sondern auch unter dem sozialen 
Gesichtspunkt, weil die Ansammlung in schmutzigen Woh 
nungen eine ständige Ansteckungsgefahr für die ganze mensch 
liche Gesellschaft bildet. 
Schon vor dem Kriege hatte man für dieses Bedürfnis 
nicht hinreichend gesorgt; heutzutage geschieht überhaupt 
nichts mehr. Eine zahlreiche Familie findet keine geeignete 
Wohnung mehr. Darin liegt ein so tragisches Unglück, daß 
es fast eine Revolution rechtfertigt. 
Was hat nun der Eigennutz und der Wettbewerb zur 
Lösung dieses Problems getan? Warum haben die Unter 
nehmer nicht Wohnungen in genügender Zahl erbaut, wäh 
rend sic hingegen alle Luxusprodukte im Überfluß auf den 
Markt brachten? Weil die Unternehmer in der Erbauung 
der Häuser, und besonders der billigen Häuser, nicht hin 
reichenden Gewinn gefunden haben. Das ist so wahr, daß 
schon vor dem Kriege in allen Ländern die Staaten oder 
philanthropischen oder kooperativen Gesellschaften die Er-
	        
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