Der Stoff der Sozialwissenschaft, Vorbemerkungen.
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boden ist. Der „Stoff“ ist es, der sich in diesem rein theoretischen
Sinne zwischen Wirklichkeit und wissenschaftliches
Denken stellt; in ihm ist die wechselnde Stellungnahme
unseres Denkens zur Einen Wirklichkeit versinnlicht. —
Von „Tatsachen“ wird zuweilen so geredet, als wäre die Wirk
lichkeit selber aus ihnen aufgebaut; in der Wendung etwa, daß etwas
„von den Tatsachen überholt sei“. In der Methodologie aber kann die
„Tatsache“ nie etwas anderes sein als der Inhalt einer, als
gültig erwiesenen Aussage über die Wirklichkeit. Da
nach erscheinen die „Tatsachen“ als eine geistige Dauerform des Er
fahrenen, eventuell über dessen eigene Vergänglichkeit hinaus, wenn
nämlich ein Geschehnis zu erfahren war. Mit den „Tatsachen“ wird
die Erfahrung gleichsam verbucht und so für jedermann zur Verfügung
gehalten. Da es sich aber um Inhalte von Aussagen handelt, müssen
die „Tatsachen“ notwendig etwas begrifflich Geformtes sein, so
daß der „Stoff“, als das erst zu Formende, noch hinter den „Tat
sachen“ zu suchen ist; die Verschiedenheit des „Stoffes“ bringt sich
auch in den „Tatsachen“ zur Geltung, daher wir in der späteren Folge
zwischen „Datum“ und „Faktum“ sondern werden.
Bei dem Ausdrucke „Material“ endlich hat man an die Kon
frontation des wissenschaftlichen Denkens mit dem Erfahrbaren zu
denken; oder auch bloß mit den „Tatsachen“, sofern man vom „Tat
sachenmaterial“ spricht, das irgendwie verarbeitet oder auch nur als
Beleg herangezogen wird. Vom „Material“ kann stets nur in der
Methodologie der Forschung die Rede sein. So handelt es sich
bei der Sonderung von „Augenschein“, „Umfrage“, „Überlieferung“ usw.
um die Spielarten jener Konfrontation des Denkens mit dem Gegebenen,
worin alle „Tatsachenforschung“ beruht. Sondert dann z. B. der
Historiker noch für den Teil der Überlieferung zwischen „Aufzeich
nungen“, „Denkmälern“, „Resten“ usw. mehr, so wechselt hier nur
mehr die Gestalt, in der das Erfahrene zum „Material“ wird. Das
»Material“ ist stets das dem Forscher empirisch Gegebene,
während der „Stoff“ mit dem zusammenhängt, was im erkenntnis
theoretischen Sinne unserem Denken das Gegebene vorstellt.
Der Eindruck, der für den I. Artikel so mißlich war, als ob
nämlich ganz andere Dinge als die Sozialwissenschaft in Frage stünden,
dieser Eindruck wird auch durch das Folgende erweckt werden. Setzt
doch der Text mit der Frage ein, wie unser Denken der Einen Wirk
lichkeit gegenüber in verschiedener Weise Stellung nimmt. Diese
Frage, die scheinbar so weit von der Sozialwissenschaft abliegt, ist hier
dennoch am Platze. Um nämlich die sozialwissenschaftliche Begriffs