Full text: Wirtschaft als Leben

Der Stoff der Sozialwissenschaft, Vorbemerkungen. 
523 
boden ist. Der „Stoff“ ist es, der sich in diesem rein theoretischen 
Sinne zwischen Wirklichkeit und wissenschaftliches 
Denken stellt; in ihm ist die wechselnde Stellungnahme 
unseres Denkens zur Einen Wirklichkeit versinnlicht. — 
Von „Tatsachen“ wird zuweilen so geredet, als wäre die Wirk 
lichkeit selber aus ihnen aufgebaut; in der Wendung etwa, daß etwas 
„von den Tatsachen überholt sei“. In der Methodologie aber kann die 
„Tatsache“ nie etwas anderes sein als der Inhalt einer, als 
gültig erwiesenen Aussage über die Wirklichkeit. Da 
nach erscheinen die „Tatsachen“ als eine geistige Dauerform des Er 
fahrenen, eventuell über dessen eigene Vergänglichkeit hinaus, wenn 
nämlich ein Geschehnis zu erfahren war. Mit den „Tatsachen“ wird 
die Erfahrung gleichsam verbucht und so für jedermann zur Verfügung 
gehalten. Da es sich aber um Inhalte von Aussagen handelt, müssen 
die „Tatsachen“ notwendig etwas begrifflich Geformtes sein, so 
daß der „Stoff“, als das erst zu Formende, noch hinter den „Tat 
sachen“ zu suchen ist; die Verschiedenheit des „Stoffes“ bringt sich 
auch in den „Tatsachen“ zur Geltung, daher wir in der späteren Folge 
zwischen „Datum“ und „Faktum“ sondern werden. 
Bei dem Ausdrucke „Material“ endlich hat man an die Kon 
frontation des wissenschaftlichen Denkens mit dem Erfahrbaren zu 
denken; oder auch bloß mit den „Tatsachen“, sofern man vom „Tat 
sachenmaterial“ spricht, das irgendwie verarbeitet oder auch nur als 
Beleg herangezogen wird. Vom „Material“ kann stets nur in der 
Methodologie der Forschung die Rede sein. So handelt es sich 
bei der Sonderung von „Augenschein“, „Umfrage“, „Überlieferung“ usw. 
um die Spielarten jener Konfrontation des Denkens mit dem Gegebenen, 
worin alle „Tatsachenforschung“ beruht. Sondert dann z. B. der 
Historiker noch für den Teil der Überlieferung zwischen „Aufzeich 
nungen“, „Denkmälern“, „Resten“ usw. mehr, so wechselt hier nur 
mehr die Gestalt, in der das Erfahrene zum „Material“ wird. Das 
»Material“ ist stets das dem Forscher empirisch Gegebene, 
während der „Stoff“ mit dem zusammenhängt, was im erkenntnis 
theoretischen Sinne unserem Denken das Gegebene vorstellt. 
Der Eindruck, der für den I. Artikel so mißlich war, als ob 
nämlich ganz andere Dinge als die Sozialwissenschaft in Frage stünden, 
dieser Eindruck wird auch durch das Folgende erweckt werden. Setzt 
doch der Text mit der Frage ein, wie unser Denken der Einen Wirk 
lichkeit gegenüber in verschiedener Weise Stellung nimmt. Diese 
Frage, die scheinbar so weit von der Sozialwissenschaft abliegt, ist hier 
dennoch am Platze. Um nämlich die sozialwissenschaftliche Begriffs
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.