Full text : Wirtschaft als Leben

Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  I,  A.

S25

Stellung,  mit  dem  „bildhaften“  Denken,  kommen  wir  an  das  Erlebte
heran.  Als  Inhalt  unseres  Bewußtseins,  ohne  doch  Inhalt  unseres
Denkens  zu  sein,  selbst  nicht  unseres  „bildhaften“  Denkens,  ist  das
Erlebte  gleichbedeutend  mit  dem  rein  und  ungebrochen  Anschaulichen. ­
  Das  hat,  um  Rickert  nachzusprechen,  nichts  mit  „Schauen“
zu  tun,  engt  die  Wirklichkeit  nicht  zuliebe  des  Gesichtssinnes  oder
sonst  eines  „äußeren“  oder  „inneren“  Sinnes  ein.  Das  Anschauliche
läßt  sich  nur  nach  jener  Relation  zum  Bewußtsein  und  Denken  erläutern
und  bleibt  im  übrigen  undefinierbar.  Gleich  dem  Erleben  selber  ist
es  ein  bloßer  Grenzbegriff,  den  unsere  Erwägung  gleich  einem
Riegel  gegen  alle  metaphysische  Spekulation  vorschiebt.
Da  mit  dem  Verhältnis  des  Denkens  zum  Erleben  auch  dieses
selber  in  Diskussion  gezogen  wird,  so  brauchen  wir  ein  Beispiel  dieses
Erlebens,  ein  Erlebnis.  Mit  Worten  ist  dabei  nichts  auszurichten,
weil  wir  von  diesen  Worten,  die  notwendig  schon  eine  Formung
des  Erlebten  sind,  erst  auf  das  Geformte  zurückgehen  müßten,  um  uns
hierauf  das  Erlebnis  anschaulich  zu  vergegenwärtigen.  Darüber  käme
die  Eindeutigkeit  der  Diskussion  in  Gefahr.  Zum  Glück  steht  ein
anderer  Weg  offen.  Denn  ein  Stück  Wirklichkeit  im  empirischen
Sinne,  ein  Erlebnis,  über  das  sich  eindeutig  diskutieren  läßt,  liegt  einfach ­
  damit  vor,  daß  der  Leser  diese  Zeilen  liest.  Der
Schreiber  dieser  Zeilen  kann  zwar  nur  hypothetisch  davon  reden,  aber
auf  den  Leser  kommt  es  an,  und  der  steht  mitten  in  diesem  Erlebnis.
An  ihm  sollen  nun  die  empirisch  gegebenen  Verhältnisse  unseres
Denkens  beleuchtet  werden.
A.  Der  empirische  Tatbestand.
Die  Wirklichkeit  läßt  sich  nie  und  nirgends  mit  Worten  ausschöpfen. ­
  Auch  im  Anblicke  dessen,  was  der  Leser  erlebt,  könnte
man  eine  gar  nicht  absehbare  Zahl  von  Erfahrungsurteilen  aussprechen.
Von  den  möglichen  Aussagen  über  dieses  Erlebnis  seien  nun
drei  in  verständiger  Willkür  herausgegriffen,  als  Typen.  Sie  sind
unausweichlich  genereller  Natur;  jeder  Leser  mag  ihnen  aber  den  Bezug
auf  sein  momentanes  Erlebnis  supponieren:
A.  „Der  Leser  liest  diese  Zeilen.“
B.  „Die  Augen  des  Lesers  bewegen  sich  in  der  Relation  auf  die
Wortbilder  des  Druckes  so,  daß  diese  nacheinander  den  Blickpunkt
passieren.“
C.  „Im  Bewußtsein  des  Lesers  wird  die  sukzessive  Wahrnehmung
der  Wortbilder  von  einem  Vorstellungsverlauf  begleitet.“
            
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