Full text : Wirtschaft als Leben

Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  I,  A.

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Hypothese  sinnesmäßig  schlecht  fundiert  war.  Die  Sache  liegt  also
so,  daß  die  Beobachter  das  Sehbare  des  Vorganges  übersehen,
etwas  ganz  anderes  aber  förmlich  gewaltsam  hineingesehen  haben  1
Wie  reimt  sich  dies  mit  der  herrschenden  Meinung,  daß  stets  der
Sinnesausdruck  als  solcher  den  Ausschlag  gibt?  Nun  könnte  man  die
Lösung  dieses  Widerspruches  darin  suchen,  daß  man  dem  Histörchen
die  „innere  Wahrheit“  abspricht.  Aber  dies  wäre  grundfalsch;  es
mutet  uns  durchaus  plausibel  an,  daß  die  Indianer  diesem  Mißverständnis ­
  verfallen  sind  —  ein  Beweis,  daß  uns  das  eigene  Gebaren
als  Beobachter  den  Schlüssel  für  diesen  Fehler  darbietet.
In  der  Tat,  nicht  der  Sinneseindruck  ist  das  Primäre  dabei,  was
immer  wir  beobachten.  Das  Erste,  was  wir  dem  Erlebnis  denkend
entnehmen,  solange  es  nach  Sinneseindrücken  absolut
noch  nicht  differenzierbar  ist,  das  Erste  also,  womit  wir  die
volle  Anschaulichkeit  des  Erlebnisses  durch  Denken  quittieren,
ist  die  Anerkennung  eines  tätigen  oder  leidenden  Verhaltens, ­
  einer  Subj  ektbeku  n  du  ng.  So  waren  sich  auch  in
unserem  Histörchen  die  Indianer  zuerst  klar,  daß  ihnen  der  Missionar
etwas  wiedererzählt,  was  ihm  selber  mit  geteilt  wird;  soweit
schöpften  sie  aus  der  vollen,  ungebrochenen  Anschaulichkeit  ihres  Erlebnisses! ­
  Und  erst  vom  Boden  dieser  Anerkennung  aus,  die  hier
das  wahrhaft  Primäre  vorstellt,  gingen  sie  dazu  über,  Sinnesdaten
zu  registrieren.  Gerade  dabei  aber  vergriffen  sie  sich;  denn  das  von
ihnen  nunmehr  differenziert  „Gesehene“  entsprach  nicht  dem
Marionettenspiel  eines  Sehenden,  sondern  dem  Marionettenspiel  eines
Horchenden.  Warum  dies?  Weil  die  Indianer  selbst  jetzt  noch,  wo
nur  mehr  das  nähere  Wie  der  Subjektbekundung  in  Frage  blieb  —
also  die  Alternative:  „Kenntnisnahme  durch  den  Blick“  oder
«Kenntnisnahme  durch  Horchen“  —  nicht  dem  „Gesehenen“  die
Vorhand  ließen,  sondern  sich  erst  wieder  über  das  Subjektverhalten ­
  eine  speziellere  Hypothese  bildeten.  Natürlich  bildeten ­
  sie  sich  jene,  die  für  ihre  Lebenserfahrung  die  nächstliegende
w ar:  sie  rieten  einfach  auf  eine  „Kenntnisnahme  von  Mitgeteiltem
durch  das  Horchen“;  und  unter  dem  Vorurteil  dieser  Annahme
differenzierte  sich  ihnen  ihr  Erlebnis  nach  Sinneseindrücken  „irrtümlich“ ­
  so,  daß  sie  das  Marionettenspiel  des  Horchenden  zu  sehen
glaubten  1  Nur  waren  sie  vorsichtig  genug,  um  gleich  die  Probe  darauf ­
  abzulegen.  Als  diese  natürlich  fehlschlug,  mag  auch  für  die
Indianer  die  andere  Subjektbekundung  als  leitende  Hypothese  an
die  Reihe  gekommen  sein,  so  daß  sie  nachträglich  wohl  auch  die
spezifische  Augenbewegung  des  Missionars  zu  registrieren  wußten.
v.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  34
            
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