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>Zur sozialwissenschaftlichen Begriffsbildung“,
des Gegebenen. Es sind dies Dinge, die notwendig vorausgesetzt
sein wollen, legt man sich die allgemeinsten Verhältnisse unseres
Denkens zurecht. Denn beweisbar sind die Dinge überhaupt nicht
anders als durch den Hinweis, daß wir sie annehmen müssen,
um jene Verhältnisse in der einfachsten, ungezwungensten Art zu er
läutern. Jede andere Beweisführung müßte sich auf Erfahrung stützen:
wie wäre dies möglich, sobald es sich um die Ansichten darüber handelt,
wie unsere Erfahrung selber zustande kommt! Voraussetzungen dieser
Art liegen ganz wesentlich bloß an ihrer Zweckmäßigkeit vor Anker.
Ergibt sich also, daß eine dieser Annahmen der Bemühung im Wege
steht, über unser empirisch gegebenes Erkennen theoretisch ins reine
zu kommen, dann fort mit ihrl
Während wir also den Gegensatz seelisch-sinnlich vom Erlebten
selber fernhalten, läßt sich eine ganz andere Annahme als überaus
zweckmäßig nachweisen; und dabei klingt sie von Haus aus so
plausibel, daß nur die unglückselige Vorliebe aller Philosophie für die
Naturwissenschaft es erklären kann, wenn sich diese Annahme nicht
bisher schon zu allgemeiner Anerkennung durchgerungen hat. Das
richtige Verständnis unserer Wissenschaften steht und
fällt mit der Annahme, daß dem anschaulichen Inhalt
des Erlebens nicht bloß unendliche Mannigfaltigkeit,
sondern auch stetiger Zusammenhang eigen sei. Was wir
erleben, ist in seiner Anschaulichkeit nicht bloß mannigfaltig, es
hängt auch anschaulich zusammen. Doch wäre es dem
Zweck dieser Annahme direkt zuwider, auch diesen anschaulichen Zu
sammenhang des Erlebten erst noch als unübersehbar zu denken: er
reißt bloß niemals ab, und ist in diesem Sinne ein stetiger. Diese
Stetigkeit ist ihm ganz so inhärent, wie dem Mannigfaltigen seine Un
endlichkeit. So lassen sich die ontologischen Voraussetzungen,
von denen hier auszugehen ist, in die Definition fassen: Erleben ist
Stetigkeit im anschaulichen Zusammenhängen einer
unendlichen Mannigfaltigkeit des Anschaulichen.
Ehe wir diese Definition erkenntnistheoretisch ausbeuten, sei ihr
Einklang mit unseren bisherigen Ergebnissen dargelegt. Unsere An
nahme will im Grunde nur die Erläuterung dafür bieten, daß unser
Denken, wie es vor dem Gegebenen steht, ebensowohl als ein unter
scheidendes, wie auch als ein beziehendes einzusetzen vermag.
„Identität“ und „Relation“ wechseln damit als die Kategorien ab,
welche den Einsatz unseres Denkens beherrschen; daß sie, über den
Einsatz hinaus, für alle Bewegung unseres Denkens unzertrenn
lich bleiben, daß also das beziehend einsetzende sofort auch ein