Der Stoff der Sozialwissenschaft, I, B.
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unterscheidendes Denken sein muß, und umgekehrt, versteht sich wohl
von selbst. Beim Einsatz aber ist das beziehende Denken, weil
es dem stetigen Zusammenhang des Erlebten antwortet, in einer
günstigeren Lage als das vor die Unendlichkeit des Mannigfaltigen
gestellte unterscheidende Denken. Kein Wunder also, wenn das Letztere
die Anlehnung an das Erstere sucht, wenn also das beziehend —
„synthetisch“ — einsetzende Denken zum erkenntnispsychologisch
Primären wird. Um sich nicht im Chaos zu verlieren, sucht unser
Denken den stillen Anhalt an dem Zusammenhang des Erlebten selbst
dann, sobald es sich als ein unterscheidendes zu verwirklichen trachtet.
So erklärt sich ungezwungen der Dienst, den der Inhalt der Aussage A
bei der Feststellung des in B und C Ausgesagten leistet.
Nie kann begriffliches Denken ins Dasein treten, ohne daß
ihm anschauliche Vorstellungen zur Seite gingen, hilfreich
oder störend. Setzt nun dieses Denken begrifflich als ein be
ziehendes ein, langt es gleichsam nach dem anschaulichen Zu
sammenhang, dem „lebendigen Bande“, so bleibt die anschauliche
Mannigfaltigkeit der ihr adäquaten Vorstellung überantwortet.
Diese Art Denken wird aber duldsam für dieses Spiel der Bilder sein,
weil es darüber nie in Verwirrung gerät: mit dem Griff nach dem
„Bande“ bleiben wir aller Mannigfaltigkeit in dem mittelbaren Sinne
Herr, daß wir begrifflich erfassen, wie sie im Erleben anschau
lich zusammenhängt. Umgekehrt aber, trachtet unser Denken als
unterscheidendes ins Dasein, tritt es also dieser Mannigfaltig
keit gegenüber, dann ist dies erstens immer nur im begrenzten Sinne
möglich — das „Detailhafte“ aller Aussagen vom Typus B und C —
zweitens aber muß dann alle anschauliche Vorstellung, die sich auf
den unendlichen Rest des Mannigfaltigen bezieht, als störend empfunden
und daher zurückgedrängt werden. Bloß die anschauliche Vorstellung
vom anschaulichen Zusammenhang selber, sie muß stets neben dem
unterscheidenden Denken verharren, weil sonst die „toten Teile in
gur keiner Zusammengehörigkeit empfunden würden, und so Anhalt
und Vorbild zugleich für jenen Zusammenhang mangeln, den nach
träglich erst unser Denken zwischen dem Unterschiedenen stiftet.
Somit vertragen sich alle bisherigen Ergebnisse aufs beste mit der
Annahme, daß im Erlebten selber Zusammenhang an
schaulich enthalten sei. In ganz empirischer Weise ist es end
lich möglich, daß man mit dieser Annahme auch die drei Aussagen,
die unser Beispiel sind, in Übereinstimmung bringt. Man sieht es
einer Aussage vom Typus A unschwer an, daß sie einen Zusammen
hang wiedergibt, den nicht erst unser begriffliches Denken stiftet. In