Full text: Wirtschaft als Leben

Nationalökonomische Erläuterung, II. 
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nisse, ehe ein solcher Zwiespalt in der Grundauffassung einreißen 
kann. Denkbar bleibt überhaupt nur der Fall, daß sich die Theorie 
förmlich eingekapselt hätte, als ein Spezialgebiet der Wissenschaft, 
um das sich die übrigen Gebiete gar nicht weiter scheren. Aufs 
Haar so liegt es aber in der Nationalökonomie. So gut wie voll 
ständig mangelt es bislang an inneren Beziehungen zwischen Theorie 
und Empirie in dieser Wissenschaft. Beides führt ausgesprochen sein 
Eigenleben, geht seine Wege für sich. Verständlich ist dies schon 
aus dem Werdegang dieser Wissenschaft; darauf soll ein flüchtiger 
Blick noch fallen. Der letzte Grund wurzelt in der eigentümlichen 
Art, in der die Nationalökonomie eine Erfahrungswissenschaft ist. 
Erfahrung schöpft sie aus dem, was uns alle als Alltag umgibt, was 
also jedermann in irgendeinem Grade schlechthin bekannt ist; daher 
auch meine einstige Kennzeichnung dieser Wissenschaft als „Erkennt 
nis des Bekannten“. Daraufhin eröffnen sich ihr zwei gesonderte 
Wege der Erfahrung: die gemeine Erfahrung, wie ich es damals 
nannte, und die Erfahrung im Wege wissenschaftlich festgestellter 
Tatsachen. Schlägt nun die Theorie einseitig den Weg der gemeinen 
Erfahrung ein — ein Theoretiker vom Range Friedr ich v. Wiesers 
hat sich ausdrücklich dazu bekannt — während die Ausbeute der 
aus der Gegenwart und Vergangenheit der Wirtschaft feststellbaren 
Tatsachen ausschließlich den empirischen Gebieten der Wissenschaft 
überlassen bleibt, dann allerdings können sich Theorie und Empirie 
weitab voneinander entwickeln, selbst bis zu völliger Entfremdung 
zwischen beiden, schon in der Grundauffassung. Ohnehin steht ja 
die gemeine Erfahrung auch dem zu Gebote, der in Tatsachen forscht; 
er vermag also Theorie dieses Ursprunges jederzeit für seinen eigenen 
Bedarf zu improvisieren, und so hält er sich erst recht unabhängig 
von der zünftigen Theorie. Aber alle diese Dinge erheischen doch 
ein näheres Eingehen auf den Sachverhalt. 
II. 
Bekanntlich zerfällt die Nationalökonomie ganz ausgesprochen in 
einen theoretischen Teil und in eine große Zahl empirischer Gebiete, 
woran sich erst noch mancherlei technische Anhängsel knüpfen. 
Davon ist der theoretische Teil, also die theoretische Nationalökonomie, 
vornehmlich in der Nachfolge der „klassischen“ Schule aufgewachsen, 
im Geiste einer „Güterlehre“, einer Theorie der Produktion, Zirkulation, 
Distribution und Konsumtion der Güter. Diese theoretische National-
	        
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