fullscreen: Lebenserinnerungen

Umwälzung ist erfolgt, und es sind dadurch alle Probleme des 
ganzen Menschen in einen akuten ötand getreten; aus dem ver 
meintlichen Besitz sind wir durchgängig in ein mühsames und 
aufgeregtes Luchen gekommen. Punkt um Punkt umfangen uns 
neue Aufgaben. Wir glaubten einen reichen Kulturbesitz zu be 
sitzen, und nun wird uns alle Tradition erschüttert und es wanken 
die überlieferten grundlagen unserer Lebensführung. Wir er 
hofften ein inneres Zusammenhalten der Menschheit, wie Kultur 
und Keligion eg gebieten, nun aber isi die ganze Menschheit 
in schroffe Gegensätze auseinandergerissen. Wir erstrebten einen 
Tortschritt der Menschheit, im besonderen auch ein nroralisches 
Weiterkommen, und wir müssen uns setzt davon überzeugen, dast 
Unwahrhaftigkeit und Ungerechtigkeit die heutige Menschheit be 
herrschen, und dast für echte güter wenig Platz ist. Zugleich sind 
wir in gänzlicher Unsicherheit über die Ltellung der Menschheit 
in der Wirklichkeit und über den Linn ihres Daseins. Wir wissen 
nicht, was wir sind, wir wissen nicht, wohin wir treiben. 
Line derarkigeKrise must entweder zu einerZerstörung oderzu einer 
Lrhöhung des menschlichen Ltanö^ führen. Wer trotz aller Wirren 
und Nöte der Zeit zuversichtlich die Möglichkeit, sa die Uotwendig- 
keit einer Lrhöhung verficht, der must seine höchste Kraft an die 
Lache setzen, der must auf einer durchgreifenden Umwandlung be 
stehen, der neust das Aufsteigen einer Tatwelt, der neust eine 
Wesensbildung, der must eine geistige Keformakion verlangen; da 
für aber neust er alle gleichgültigkeik und Lauheit ablegen, allen 
bequemen Mittelweg als ein Unrecht verwerfen. Alt oder sung, 
das macht in einer so erschütternden Krise keinen Unterschied; auch 
wir Ülteren dürfen keiner Kühe pflegen, auch wir müssen des Wortes 
gedenken: „Wirket so lange es Tag ist". 
So must und will auch ich trotz des vorrückenden LIlters eifrig 
für sene Aufgabe einer Umgestaltung des menschlichen Lebens 
standes weiter wirken. Dast ich aber die dazu nökigeKraft und Trische 
besitze, das verdanke ich an erster Steife der glücklichen Gestaltung 
meiner persönlichen geschickt. Ich must es als eine graste gunst 
betrachten, dast ich zunächst durch das Verhältnis zu meiner Mutter 
eine seelische Vertiefung erhielt, der auch die Weihe des Lchmerzes 
nicht fehlte, und dast ich dann durch meine eigne Tamilie und ini 
eignen Hause ein schönes, reiches, geistig bewegtes Leben führen 
durfte. Besonders erfreulich ist dabei die gegenseitige geistige Lr- 
gänzung auf einer gemeinsamen grundlage der Überzeugung. 
Meine Trau ist besonders in künstlerischer Kichtung tätig und sie 
wirkt darüber hinaus unermüdlich und umsichtig für hohe Ziele. 
Auch insofern umschliestt unser kleiner Kreis die Haupkzweige gei 
stigen Wirkens, als von unseren Löhnen der eine Physiker, der
	        
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