--jv
mmms
,
Mt . «- 4 . ;| ,:v -
Soziologische Zusammenhänge, XI.
633
Wissenschaften“ wäre demnach „Soziologie“ als eine gleichsam be
richtigende Erläuterung zur Seite gedacht
Hier sei durchaus vorgreifend eingeschaltet, daß es selbstverständ
lich immer zulässig bleibt, überall dort, wo uns die erlebte Wirklich
keit als das menschliche Zusammenleben entgegentritt, durch eine ver
änderte Einstellung des erfahrenden Denkens auch „Natur“ zu sehen;
dann erblickt man also z. B. dort, wo für uns Staat oder Familie oder
Genossenschaft und Ähnliches tatsächlich ist, etwa nur mehr „Systeme
verwickelter Reizauslösung“, im Geiste Hugo Münster bergs. Eben
darum sind diese Systeme selber ausdrücklich nicht mehr menschliches
Zusammenleben, und so bleibt der hervorgestellte Gegensatz gegenüber
der Natur und den Naturwissenschaften unerschüttert aufrecht. Sozio
logie als Inbegriff würde also auch jene Naturwissenschaften aus
schließen, die sich mit solchen „Reizauslösungssystemen“ beschäftigen
müßten; so stünde insbesondere die „Psychologie als Naturwissenschaft“
außerhalb der Soziologie. Den hier gemeinten Gegensatz scheint mir
nun „Soziologie als Inbegriff“ glücklicher ins rechte Licht zu rücken,
als wenn man den Naturwissenschaften etwa die „Kulturwissenschaften“
entgegensetzt. Freilich, sobald der Gegensatz schon im Worte scharf
anklingt, wie auch in diesem Falle, schmeichelt er sich unserem Denken
stets ein; pflegen wir doch z. B. im Lehrbetrieb unserer Wissenschaft
auch der theoretischen Nationalökonomie sofort eine „praktische“
Nationalökonomie zu paaren, obgleich dies mehr ein schlechter Witz
a ls ein guter Name dafür ist, daß neben den theoretischen Gebieten
auch die empirischen Gebiete zum Gegenstand einer Vorlesung werden.
Gewiß steht hinter der Wortklammer „Kulturwissenschaften“ das sehr
ernst zu nehmende, geniale Theorem Heinrich Rickerts: ein durch
gängiges „Beziehen auf Kulturwerte“, als „Prinzip der Auslese“. Erstens
aber kann man schon über das Kategorische dieses Vorganges anderer
Meinung sein. So stellt sich gerade unsere Wissenschaft darin in
Gegensatz zur Geschichte, daß hier ein „Beziehen auf Probleme in
Kraft steht. Zweitens gilt hinsichtlich des Wortes „Kultur“, daß sich
jeder mindestens einbildet, und auch darauf etwas einbildet, ein ganz
Bestimmtes zu meinen. Ob nun dieser störrige „Kulturbegriff jedes
mal wieder mit dem Dienst des Wortes als Sammelname im Einklang
steht, das bezweifele ich auch in eigener Sache. Dagegen hat man
sich längst gewöhnt, unter „Soziologie“ alles nur Erdenkliche ver
standen zu wissen, um so weniger also selber dabei etwas zu denken;
u nd dies macht das Wort zum Sammelnamen außerordentlich geeignet.
Nur leider, weil dieser Name so geduldig ist, wirkt sich der Fluch
seines Ursprungs — er stammt ja vom Reißbrett der „positivistischen“