Full text : Wirtschaft als Leben

Ausklänge,  XXIV.

671

tischsten  aller  Worte  hineinzujagen.  Denn  nicht  einfach  die  „Vieldeutigkeit“ ­
  dieses  Wortes  ist  die  Gefahr,  abermals  die  verstohlene
Problematik  dahinter!
Aus  welchem  Grunde  soll  jene  soziologische  Erkenntnislehre  nicht
auch  wieder  nur  eine  Spielart  der  „Soziologie“  als  „Fachwissenschaft“
sein?  Ich  stelle  die  Gegenfrage:  Was  führt  dazu,  derlei  Erkenntnislehre ­
  zu  treiben?  Doch  vor  allem  die  Absicht,  in  der  eigenfachlichen
Theorie  mit  besonderem  Vorbedacht  zu  verfahren,  selbstbesonnen.
Dies  scheint  mir  der  typische  Fall,  an  „Soziologie  als  Erkenntnislehre“
zu  arbeiten.  Somit  breitet  sich  hier  ein  Arbeitsfeld  aus,  das  aus  Zwang
der  Lage  von  ganz  verschiedenen  Seiten  her  bestellt  werden  muß,  von
all  den  verschiedenen  Fachwissenschaften  her.  Schlechthin  ein  Grenzgebiet ­
  ist  es  sicherlich  keines.  Zwar  stoßen  alle  „inbegriffiich-soziologischen“
  Fachwissenschaften  hier  tatsächlich  zusammen;  aber  sie  tun
es  in  der  bedeutsamen  Art,  daß  sie  alle  sich  hier  in  ihrer  höchsten
theoretischen  Zuspitzung  zusammenfinden,  ausdrücklich  je  mit  ihrem
Kerngebiet.  Auch  eine  „Theorie  der  Theorien“  ist  es  nicht  in  dem
gewöhnlichen  Sinne,  der  schließlich  für  alles  Methodologische  zutrifft.
Auch  das  ist  es  vielmehr  in  jenem  tiefsten  Sinn,  daß  hier  für  alle
Fachwissenschaften  das  gemeinsame  Herz  ihrer  Problematik  schlägt
Dieses  Arbeitsfeld  ist  einzigartig  schon  deshalb,  weil  jede  Fachwissenschaft ­
  an  dieser  Stelle  befugtermaßen  in  eigener  Sache  spricht;  und
doch  pfuscht  sie  hier  den  übrigen  ins  Handwerk!  Haben  doch  auch
diese  ihre  eigene  Sache  zu  vertreten.  Auf  dieses  Arbeitsfeld  muß  sich
früher  oder  später  jede  der  Fachwissenschaften  hinauswagen.  Denn
für  jede  steht  hier  das  Ureigenste  ihrer  Haltung  als  Wissenschaft  in
Frage.  So  handelt  es  sich  für  jede  um  eine  wahre  Gewissenserforschung.
Kann  man  sich  dieses  höchst  persönliche  Geschäft  nun  gleichsam  gewerbsmäßig ­
  von  einem  Dritten  besorgt  denken,  der  hier  für  alle  im
„übertragenen  Wirkungskreis“  tätig  wäre,  so  daß  er  dieses  seltsame
Arbeitsfeld  bestellt,  gleich  einer  richtigen  Fachwissenschaft?
Freilich,  im  Grundsätze  darf  auf  dieses  Gebiet  die  Philosophie
Anspruch  erheben,  von  ihrem  Beruf  her  als  Wissenschaftslehre.  Auf
ihrer  Seita  ist  sehr  viel  Erfreuliches  geleistet  worden.  Die  Namen
Dilthey,  Windelband  und  Rickert,  Schuppeund  Münsterberg, ­
  Scheler  und  Lask,  Husserl  und  Spranger,  Simmel
nicht  zuletzt,  liefern  rühmlichste  Beispiele.  Aber  die  unerfreulichen  Beispiele ­
  fehlen  auch  nicht.  Die  Formel,  mit  der  neuestens  Vaihinger  die
nationalökonomische  Theorie  seiner  „Als-ob“-Philosophie  einschachtelt,
scheint  hier  seitab  zu  bleiben.  Denn  ihm  ist  es  überhaupt  nur  um
Fiktionen  zu  tun.  Wo  aber  schier  alles  Fiktion  ist,  wie  in  der  „Güter ­
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.