Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 743
Mit welcher Vorsicht indes Maria Theresia selbst diesen
Erfolg eingeschätzt hat, ergibt am besten die Tatsache, daß fie
deshalb eben in dieser Zeit schwebende Verhandlungen mit
dem Könige von Preußen nicht abbrach. Am 8. September,
einen Tag nach der Szene im Preßburger Schlosse, hatte sie
Neipperg „mit größtem Herzeleid“ die Vollmacht erteilt, mit
Friedrich auf der Grundlage der Abtretung von Niederschlesien
zu verhandeln, um diesen von der französisch-bayerischen
Koalition abzuziehen und in einen gegen Bayern gerichteten
Bund einzuordnen. Es war ein kühner Schritt, der sich der
Behandlung des ungarischen Reichstages zur Seite stellt, und
man konnte wohl begierig sein zu sehen, wie er aufgenommen
werden würde. Friedrich entschloß sich in dem Protokoll von
Aleinschnellendorf vom 9. Oktober zu einem merkwürdigen
Mittelweg. Er wollte sich, bis zum Abschlusse eines offiziellen
Friedensvertrages im Dezember, mit der Besetzung Schlesiens
bis zur Neiße begnügen, und ließ zugleich das ihm gegenüber⸗
stehende österreichische Heer frei abjiehen — zum Kampfe gegen
Frankreich und Bayern. Er wurde also in der Tat der
französisch-bayrischen Koalition halb abspenstig. Grund hierfür
var einmal die Einsicht in französische Pläne, die auf eine
Vergrößerung Bayerns und Sachsens hinausliefen: vom
Marschall Belle-Isle vor allem betrieben, liefen sie zum
ersten Male ganz im Konkreten auf eine Organisation Deutsch⸗
sands in dem Sinne hinaus, daß sich eine gewisse Anzahl
größerer Staaten in ihm derart gegenseitig die Wage halten
follten, daß den Franzosen ein Eingriff in die deutschen
Geschicke jederzeit leichter Hand möglich sei. Es waren die
Anfänge der späteren, für Deutschland so verhängnisvollen
Politik Napoleons; selbstverständlich erschien es Friedrich, ihnen
schon aus preußischem Interesse entgegenzutreten. Dazu war
aber für sein Verhalten noch ein zweites, mehr vorübergehendes
Motiv maßgebend: er war über die Art, wie die Koalition
inzwischen den Feldzug gegen Osterreich betrieben hatte, in
hohem Grade erbittert.
Noch bevor die Franzosen, im August 1741, den Rhein