Full text : Einführung in das Studium der Konjunktur

178  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

Diese  Wirkung  ist  z.  B.  dort  nicht  möglich,  wo,  wie  im  Transportgewerbe, ­
  der  Absatz  unmittelbar  von  dem  Gang  des  Wirtschaftslebens ­
  bestimmt  wird,  jedenfalls  von  Faktoren  abhängt,  welche
mit  der  Höhe  der  Produktionskosten  sehr  wenig  zu  tun  haben.
Bezeichnend  hierfür  war  das  Verhalten  der  großen  Schiffahrtsgesellschaften ­
  während  der  wirtschaftlichen  Störungen  um  die  Jahrhundertwende. ­
  Bei  einem  so  allgemeinen  Rückgang  des  Güterverkehrs, ­
  wie  er  in  dieser  Zeit  stattgefunden  hat,  und  wie  wir  ihn  oben
bereits  kennengelemt  haben,  mußte  sich  auch  im  überseeischen
Verkehr  ein  Rückgang  geltend  machen,  gegen  welchen  eine  Herabsetzung ­
  der  Raten  nur  sehr  wenig  ausrichten  konnte.  Hier  kam  es
deshalb  zu  Betriebsstillegungen.  Im  Jahre  1902  hat  die  Hamburg-Amerika-Linie
  acht  große  Postdampfer  außer  Dienst  gestellt  und  auch
andere  Gesellschaften  mußten  ihre  Fahrten  reduzieren.  Damit  hängt
es  auch  zusammen,  mit  dieser  ökonomischen  Eigenart  des  Schifffahrtsbetriebes, ­
  daß  der  Versuch,  welcher  zur  Hebung  der  Notlage
in  diesem  Gewerbe  im  Jahre  1901  in  Form  einer  internationalen
Verständigung  im  Schiffahrtsverkehr  gemacht  wurde,  sich  darauf
bezog,  5  o/o  des  Tonnengehaltes  außer  Dienst  zu  stellen  i).
Die  ökonomische  Eigenart  des  Schiffahrtsbetriebes  ist  eben  eine
ganz  andere,  wie  diejenige  eines  geschlossenen  Fabrikbetriebes.  Bei
einem  solchen  handelt  es  sich  um  ein  intensives,  organisches  Zusammenarbeiten ­
  des  ganzen  Produktionsapparates.  Mögen  dabei
auch  erhebliche  Unterschiede  im  einzelnen  vorhanden  sein,  so  kann
man  bei  einem  Rückgänge  des  Absatzes  in  der  Regel  nicht  ohne
weiteres  ganze  Teile  eines  solchen  Unternehmens  außer  Betrieb
setzen.  Man  kann  sie  nur  unvollkommener  ausnützen,  z.  B.  Feierschichten ­
  einschieben.  Ganz  anders  liegen  die  Verhältnisse  im
Schiffahrtsbetriebe.  Selbst  wenn  das  stillgelegte  Schiff  mit  seiner
Verzinsung  und  den  notwendigen  Abschreibungen  die  Unkostenseite
des  Unternehmens  weiter  belastet,  was  ja  bei  jedem  außer  Betrieb  befindlichen ­
  Produktionsmittel  der  Fall  ist,  und  selbst,  wenn  die
sonstigen  Generalunkosten  sich  nicht  entsprechend  vermindern
lassen,  so  kann  ein  Schiff  doch  als  ganzes  aus  dem  Betrieb  zurückgezogen ­
  werden,  womit  doch  auch  die  darauf  entfallenden  Betriebskosten ­
  in  weit  stärkerem  Maße  eine  Verminderung  erfahren
müssen,  als  wenn  in  einer  Fabrik  mit  Feierschichten  eine  Produktionseinschränkung ­
  durchgeführt  wird.
Es  war  schon  oben  davon  die  Rede,  daß  sich  mitunter  die
Schwankungen  der  Konjunktur  nur  auf  einzelnen  Teilgebieten  des

l )  Sehr.  d.  V.  f.  Sp.  Bd.  108.  Seeverkehr  u.  Reederei,  S.  158.
            
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