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Erster Abschnitt. Die Erklärungen der Wirtschaftskrisen.
schaft, in welcher sich unvermeidlich ein Kreislauf von Prosperität
und Depression vollziehen müsse. Erst die Verwandlung der Pro
dukte in Waren bewirkt die Abhängigkeit des Produzenten vom
Markte, die Trennung der Produktion von der Konsumtion und schafft
damit jenen anarchischen Zustand, der ein so wesentliches Merk
mal der kapitalistischen Wirtschaftsordnung ist. In ihr ist die Pro
duktion nicht mehr wie auf früheren Stufen des Wirtschaftslebens
abhängig von der Konsumtion, von der Größe des Bedarfes, sondern
von den Verwertungsbedürfnissen des Kapitals. Die Produktion
dient nicht mehr der Bedarfsdeckung, sondern steht im Dienste dieses
Verwertungsbedürfnisses. In sehr lesenswerten Darlegungen sucht
Hilferding diese Zusammenhänge im einzelnen nachzuweisen.
Auch die scharfsinnige Konjunkturtheorie des schwedischen
Nationalökonomen Gustav Cassel sei hier noch kurz berührt.
Cassels Darlegungen zeichnen sich besonders dadurch aus, daß er
eingehend die Merkmale und Symptome des Konjunkturwandels
untersucht und seine Wirkungen auf die verschiedensten Seiten des
wirtschaftlichen und sozialen Lebens festsetzt. Es sind dies Zu
sammenhänge, welche in den folgenden Abschnitten ebenfalls eine
eingehende Behandlung finden werden.
Eine der wichtigsten Ursachen des Konjunkturwandels ist für
Cassel die Änderung in der Höhe des Kapitalzinses. Die Krise ent
steht für ihn aus einem akuten Mangel an Kapital, und von dieser
Auffassung ausgehend, wendet er sich folgerichtig gegen die von den
Sozialisten vertretene Auffassung, daß mit einer Beseitigung des
kapitalistischen Unternehmertums diese Konjunkturschwankungen
fortfallen müssen. , Denn, da nach der Meinung Cassels diese
Schwankungen, und Störungen damit Zusammenhängen, daß das vor
handene Kapital nicht ausreicht, die materiellen Fortschritte zur
Durchführung zu bringen, so liegt kein Grund vor, anzunehmen,
warum dieser Widerstreit nicht auch in einer Wirtschaftsordnung
eintreten kann, in welcher die Produktionsmittel im Besitze der Ge
samtheit sind. Denn auch in einer solchen Wirtschaftsordnung
ist mit der Möglichkeit zu rechnen, daß die Seite des reproduktiven
Konsums einen zu starken Ausbau erfährt, und wo dies der Fall
ist, muß sich immer von einem bestimmten Punkte ab als Folge eines
eintretenden Kapitalmangels eine Umbiegung der Konjunktur nach
unten ergeben.
Es besteht für Cassel eine enge Wechselwirkung zwischen Zins
fuß und Konjunkturbewegung. Ein hoher Zinsfuß muß den Wert
des festen Kapitals vermindern und Verluste bringen. Damit wird
die Möglichkeit, weiterhin festes Kapital zu produzieren, erheblich