Full text: Einführung in das Studium der Konjunktur

56 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches. 
schon diese eigenartige Hochkonjunktur der Nachkriegszeit tref 
fend als Katastrophenhausse bezeichnet. 
Zur Erklärung dieser Erscheinung dient einmal unschwer die Tat 
sache, daß in der ersten Zeit nach dem Kriege in noch weit stärke 
rem Maße als während des Krieges, durch die gewaltige Ausgabe 
von Papiergeld, neue künstliche Kaufkraft geschaffen worden ist. 
Dabei vollzog sich dieses während einer Zeit, in der noch unter 
den Nachwirkungen des Krieges, unter dem Einfluß des großen 
Kohlenmangels und des Fehlens der wichtigsten Rohstoffe die 
Güterproduktion allenthalben weit geringer war, als in der Zeit 
vor dem Kriege. Nur aus dieser Tatsache einer zu geringen Produk- 
duktionsmöglichkeit aus Mangel an Kohle und Rohstoffen, ist es auch 
zu erklären, weshalb gleichzeitig mit dieser günstigen Lage für die 
privaten Erwerbswirtschaften dauernd eine nicht unerhebliche Ar 
beitslosigkeit in vielen Erwerbszweigen bestanden hat. 
Dazu kam noch, daß im Zusammenhang mit dem ungünstigen 
Stande der deutschen Valuta ein sehr großer Teil der deutschen 
Gütererzeugung ins Ausland ging. Muß doch jede Valutaverschlech 
terung solange als Exportprämie wirken, bis sich die Inlandspreise 
dem Weltmarktpreis angepaßt haben. Gemessen an der so künstlich 
neu geschaffenen Kaufkraft bestand also aus diesen Gründen an 
vielen Gütern ein zu geringes Angebot. Das Gleichgewicht zwischen 
Produktion und Konsumtion, zwischen Angebot und Nachfrage, war 
in ganz anderer Weise gestört, als es sonst bei Konjunktur 
störungen zu beobachten ist. Jetzt blieb das Angebot an Gütern 
vielfach hinter der Nachfrage zurück. Daraus mussten sich erheb 
liche Preissteigerungen und erheblich steigende Gewinne in fast 
allen Erwerbszweigen ergeben. Gleichzeitig nahmen aber die schwe 
benden Schulden des Reiches dauernd zu, so daß, wie oben dargelegt, 
den steigenden Gewinnen der Erwerbswirtschaften keine Zunahme 
des Volkwohlstandes entsprechen konnte. 
Diese so eigenartige Störung des Gleichgewichtes zwischen 
Produktion und Konsumtion, welche ein starkes Zurückbleiben 
des Angebots gegenüber der Nachfrage bedeutete, hat dann die Stel 
lung des Produzenten seinen Abnehmern gegenüber in einem früher 
nie gekannten Umfange gestärkt. Das kam nicht nur in der Ge 
staltung der Preise zum Ausdruck, sondern auch bei der Fest 
setzung der Lieferungs- und Zahlungsbedingungen, wie wir es ja 
alle miterlebt haben 1 ). i) 
i) Die Frankfurter Zeitung gab in ihrem ersten Morgenblatt vom' 26. Au, 
gust 1920 folgendes Beispiel dieser „zeitgemäßen“ Verkaufsbedingungen. Der 
Verlag deutscher Glasgroßhändler (Spiegelglasgruppe), Krefeld, bestimmte in
	        
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