88 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.
vom Jahre 1913—1923 die Zahl der Vollarbeiter in der chemischen
Industrie um 51,77 Prozent gestiegen ist.
Diese Störungen griffen dann auch auf die Börse, auf den Markt
der Wertpapiere über. Der große Kapitalmangel, die Notwendigkeit,
zur Fortführung der Betriebe liquide Mittel zu haben, der
abnorm hohe Zinsfuß, der dafür geboten wurde, haben neben anderen
Faktoren eine Abwanderung des Kapitals aus der Effektenanlage
bewirkt, wozu auch die Tatsache beitrug, daß ja in dieser kritischen
Zeit die meisten Aktien keinerlei Erträge abwarfen. Das Angebot
an Effekten stieg gewaltig, die Nachfrage danach nahm dauernd
ab, was sich letzten Endes in einem starken Kursrückgang äußern
mußte, der auch zu zahlreichen Zwangsexekutionen führte. Die
folgende Tabelle gibt ein Bild dieser Entwicklung.
Aktienindex nach Gruppen (1913=100):
Monatsdurchschnitt
Bergbau und
Schwerindustrie
Verarbeitende
Industrie
Handel
und Verkehr
Gesamt
Januar 1924 . . .
45,77
44,21
15,77
35,76
April „ ...
29,50
28,87
10,46
23,33
Juni „ ...
23,06
19,93
8,86
17,50
Juli „ ...
23,59
20,71
10,13
18,49
August „ ...
29,81
27,98
13,02
24,14
Septbr. „ ...
31,15
28,59
14,39
25,31
Oktober „ ...
30,61
27,20
14,67
24,75
So haben wir also in Deutschland das typische Bild einer Stabilisierungskrise
erlebt. Daß dabei mit Einsetzen der wärmeren
Jahreszeit die Arbeitslosigkeit zurückging, bedarf keiner weiteren
Erklärung. Vom Sommer ab hat auch dann die scharfe Krediteinschränkung
der Reichsbank einen weiteren Preisabbau erzwungen 1 ),
an dem auch die inzwischen erfolgte Herabsetzung von Frachten
und Kohlenpreisen beteiligt war.
Es begannen sich damit die Verhältnisse etwas zu bessern, der
Außenhandel gestaltete sich günstiger und auch auf dem Kapitalund
Geldmärkte begann die Spannung etwas nachzulassen. Die langsame
Liquidierung von Warenbeständen, die Abstoßung des Devisenbesitzes,
die Rückkehr der früher ins Ausland geflüchteten
Kapitalien, das langsame Einsetzen der Kapitalneubildung, die Errichtung
der Golddiskontbank und ausländische Kredithilfe haben i)
i) Die Preissteigerung vom Juli ab berührt die Konkurrenzfähigkeit auf
dem Weltmarkt nur wenig. Sie beruht einmal auf der Preissteigerung der
agraren Erzeugnisse, und soweit es sich um industrielle Produkte handelt,
vor allem auf dem Anziehen der fremden Devisen.