514 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
dämmern selbst in den entfernten Regionen eines national⸗
demokratischen Systems, da ist er heimisch. So hat er mit
zuerst die ungeheure Bedeutung einer nationalen Expansion
über See geahnt; und noch heute wirkt sein Flottenlied mit
der Gewalt eines der Zukunft gewidmeten Impulses:
Erwach, mein Volk, mit neuen Sinnen!
Blick in des Schicksals goldnes Buch!
Lies aus den Sternen dir den Spruch:
Du sollst die Welt gewinnen!
Erwach, mein Volk! Heiß deine Töchter spinnen!
Wir brauchen wieder einmal deutsches Linnen
Zu deutschem Segeltuch!
Gegenüber diesen Weiten, die freilich in späteren Jahren
dichterischem Ermatten und steigender Verbitterung wichen,
treten Dichter wie Freiligrath und auch Heine weit zurück.
Freiligrath, der zuerst im Jahre 1844 mit der Gedichtsamm⸗
lung „Ein Glaubensbekenntnis“ eingriff, ist wohl von gewaltiger
Kraft und hinreißendem Schwunge der Sprache und hat den
Vorteil, der späten seichten Rhetorik Herweghscher Verse im
allgemeinen fern zu bleiben; aber ein Seher, wie es ein po⸗
litischer Dichter vor allem sein soll, war er kaum. Dagegen
— DDDDDO
besondere des Jahres 1848, mit dem heißen Blute seiner Verse
besprengt, ein Dichter der sich vollendenden Revolution ohne⸗
gleichen: und mit Recht darum noch ein Liebling des revolutio⸗
nären Proletariates der Gegenwart. Heines Stellung in den
oierziger Jahren ist im Grunde leicht verständlich. Er war
der Veteran der Opposition, wie er schon der Vorkämpfer und
Parabat des Jungen Deutschlands gewesen war; und das
gab ihm Autorität und das Recht, gehört zu werden. Aber
war er eigentlich jemals national gewesen in dem glühend—
praktischen Sinne des staatsmännischen Talentes? Hatte er ein⸗
zugreifen versucht? Seit den Tagen der Julirevolution saß er
den deutschen Ereignissen persönlich fern in Paris — draußen⸗
stehend, von objektiver Jronie —: und sein Urteil wurde doch
oielfach nur zufälligen Veranlassungen und rein individueller