Bei Gesell ist alles das bitterer Ernst: „Ein blanker Taler,
sin entschieden echter Taler, wird in der Woche vielleicht nur zehnmal den
Besitzer wechseln, weil mancher sich an seinem Anblick vielleicht längere Zeit
weidet und noch einmal überlegt, ehe er ihn ausgibt. Beieinem „‚verschlis-
senen‘“ Taler sind diese Hemmungen geringer und bei einem Taler, dessen
Echtheit angezweifelt wird, gar nicht vorhanden. Um dieselbe
Bahn zu durchlaufen, braucht also ein blanker Taler drei Wochen, ein ver-
schlissener zwei Wochen und ein zweifelhaiter nur eine Woche. Um die
ZzleicheAnzahlvonGeschäftenabzuwickeln, braucht
mandreineue, zweialteund nur einen zweifelhaften.
Die Verschleißkraft, die kaufmännische oder handelstechnische Qualität des
Geldes steht also im umgekehrten Verhältnis zur banktechnischen Qualität
des Geldes. Kaufmännisch betrachtet, ist ein zweifelhaiter Taler dreimal
vesser als ein blanker Taler‘ (S. 171/172). Kein Wunder darum, wenn Ge-
sell glaubt, der „Vorschlag, das Geld mit Schwetielwasserstoff
zu durchtränken, damit sich jeder becile, es wieder weiterzugeben‘, werde
eine Erweiterung der ‚Grenze der möglichen Schnelligkeit des Geldumlauftes‘‘
»fenbaren (S. 173).
c) Das Ergebnis des soeben geschilderten wirtschaftlichen
Denkens und Fühlens ist schließlich Gesells auf die Spitze ge-
riebene „Warentheorie":
„Das Geld ist eine völlig selbständige Ware, deren Preis bei jedem
Handwechsel, Fall für Fall, neu durch den Handel bestimmt werden muß.
Beim Verkauf einer Ware weiß der Emplänger des Geldes nicht, was er
nun seinerseits für das Geld erhalten wiıd. Das muß sich erst durch einen
neuen Handel, meist an einem anderen Orte, zu einer anderen Zeit, mit
anderen Personen erweisen‘ (S, 116/117 Anm.). Wie alle Waren einen,
Preis haben, so soll es auch einen „Preis des Geldes“ geben; darunter
„versteht man die Menge Waren, die man „preisgeben“
muß, num eine bestimmte Menge Geld einzukaufen“
'S. 152 Anm.).
Der Grundfehler der Gesellschen Geldauffassung ist die
maßlose Überschätzung der privatwirtschaftlichen Bedeutung des
Geldes. Er verkehrt dessen Dienerrolle grundsätzlich in eine
Willkürherrschaft, macht aus dem verkehrstechnischen Hilfsmittel
die wichtigste „Ware“ und aus den ursprünglichen Waren Um-
tauschmittel zum Gelderwerb,
Heut noch darf man also hier an das anderthalb Jahrhunderte alte Wort
David Humes erinnern, daß das Geld nur „das Öl sei, welches die Be-
wegungen der volkswirtschaftlichen Maschinen geschmeidiger und leichter
macht‘ (Adolf Weber, Banknote, 5S. ıo); oder an Solvays Aus-
spruch, nach dem „das Geld ein Werkzeug ist, dem man die Kraft von
‚Gegenständen‘ beigelegt hat‘ (S. 4).
Heute, nach den Wirren und Nöten der letzten sechs Jahre
wird von Gesell noch ernstlich behauptet, der Warenbesitzer
Cohn, Kann das Geld abgeschafft werden?