98 -
müsse seinen Besitz losschlagen, der Geldmann aber könne mit
dem Einkauf beliebig lange warten! Jahrelang schon zahlt, wer
es irgend kann, „Phantasiepreise“, um ein Pfund Mehl oder Zucker,
einen Anzugstoff, ein Paar Schuhe überhaupt zu erhalten, reißt
sich um die Dienste der Hausangestellten und Droschkenkutscher
und sucht ängstlich jede sich auf eine Ware des täglichen Be-
darfs erstreckende „Beziehung“ aufrecht zu erhalten. Umgekehrt
geben die Verkäufer ihre Waren, wenn sie sie überhaupt feil-
bieten, möglichst als „Friedens“- oder wenigstens „Auslandsware‘“
aus, jedenfalls also räumlich oder zeitlich als „von recht weit her“.
Und die Gewerkschaftsführer lehrten Jahrzehnte, daß Vorent-
haltung der Arbeitskraft die Lage der Arbeiter verbessere. An-
gesichts all dieser unmittelbaren Erfahrungen hat Silvio Gesell
die Kühnheit, zu behaupten, daß den „100000 Arbeiterbataillonen,
‚. wenn sie nicht arbeiten, mit jedem Pendelschlag der Uhr ein
Teil ihrer Habe, ihrer Arbeitskraft verloren geht“, und daß „der
Bäcker gar seine Ware zum regelrechten Preis nur absetzen kann,
solange die Brötchen noch warm sind“ (S. 178). Wogegen „das
einzige, was das Gold vielleicht zu fürchten hat, die Erfindung
eines brauchbaren Papiergeldes wäre; aber selbst gegen solche
Möglichkeit ist der Goldbesitzer dadurch geschützt, daß solches
Papiergeld nur durch den Willen des Volkes zustande kommen
kann, — ein schwerfälliger Feind, der ihm Zeit zur Flucht
läßt“ (S. ı79)1 Dieses Buch ist im Jahre 1919 neu aufgelegt!
Sicherlich wird „der Besitzer des Goldes nicht von seinem
Eigentum zum Verkauf gedrängt“; wohl aber von seinem Hunger!
Das Gold kann ihm allenfalls als Schmuck dienen, aber es kann
ihn nicht satt machen, nicht wärmen, nicht kleiden. Es kann ihn
nicht „real“, sondern nur „zirkulatorisch“ befriedigen (Knapp).
Nicht weil er das Geld loswerden, aber weil er Genußgüter er-
werben oder seine produktive Tätigkeit aufrecht erhalten muß,
ist der Geldbesitzer ebenso — wo nicht sogar stärker — zum
Kauf genötigt wie der Warenbesitzer zum Verkauf. Wie erklärte
sich sonst die von Gesell selber erwähnte Tatsache (die allein hin-
reicht, sein theoretisches Kartenhaus umzustoßen), daß man in
„Schweden 1916 für ı00 Kronen in Papiergeld ı05 Kronen in
Gold bezahlt“ hat? (S.ı20 Anm.; Gesell macht daraus vielleicht
einen Triumph des schlechten, schmutzigen, verrissenen Papiers
über das Gold, das unvergängliche). Nicht einmal der Satz: „Wer
kein Geld hat, kann auch keine Nachfrage nach Waren halten“
(S. 171), hat seine volle Geltung behalten: Kreditverkehr, Natural-