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in der Freigeldwirtschaft auch nur die „Privatgeldvorräte“
sich selbsttätig aufgelöst, ohne daß deshalb das Sparen weg-
gefallen ist:
„Wenn ich jetzt eine Summe Geld erübrigt habe, so mache ich es ge-
aau wie früher — ich bringe sie zur Sparkasse, und die Sparkasse schreibt
mir die Summe in mein Buch ein, In dieser Beziehung hat sich nichts ge-
ändert... Die Sparkasse schuldet mir soundsoviel
Mark deutscher Reichswährung, nicht aber die
Zettel, die ich ihr lieferte... Also in Bezug auf die zurück-
zuerstattende Summe ist alles beim alten geblieben. Aber ich sehe, daß ich
jetzt bedeutend mehr‘ sparen kann als früher... Mit
erstaunlicher Regelmäßigkeit bringe ich jetzt monatlich meinen Über-
schuß zur Kasse. Aber wie es mir ergeht, so scheint es allen zu
argehen; denn es herrscht immer ein ganz ungewöhnliches Gedränge
an der Kasse. Die Sparkasse hat schon wiederholt den Zins fuß herab-
gesetzt,.. und es heißt, daß bei Einführung unseres Freigeldes im Welt-
verkehr der Zins auf Null fallen wird‘ (S. 272).
Nicht nur keine Verminderung also, sondern sogar noch Er-
höhung der Spartätigkeit; Überfluß an Geld, der von Gesell in
echt privatwirtschaftlicher Wendung mit Kapitalreichtum verwechselt
wird (hierzu oben 2. Kap., IV) und ihm daher auch die Möglichkeit
gewährt, den Zins „abzuschaffen“! Ja, ist denn der Zins
hier wirklich abgeschafft? Gerade in Gesells wirtschaftlichem
Begriffssystem erscheint er doch einfach als „mehr Geld“; dann
ist das „Sparen“ in der Freigeldwirtschaft aber ebenso gut zins-
tragend wie in der heutigen Wirtschaft, und zwar allein schon
wegen seiner Gegenwirkung gegen den „Schwund“ des Geldes.
Die 100 Mk. in der Geldtasche werden innerhalb eines Jahres zu
94 Mk. 80 Pf, verlieren also 5,2%; auf der Sparkasse aber werden
immer wieder 100 Mk. voll ausgezahlt; ist das etwas anderes
als eine „Verzinsung“ von 5,2%?!
Oberdrein hat die Sparkasse ihrerseits den Schwund des bei ihr lagern-
den Geldes zu tragen; zwar darf sie es „zu den gleichen Bedingungen wie-
der ausgeben“, aber ‚während die Eingänge an der Sparkasse fortgesetzt
zunehmen, gehen die Gesuche um Darlehen zurück, weil die
Handwerker, Bauern und Unternehmer aus denselben Gründen, die mir das
Sparen erleichtern, jetzt mit den eigenen Überschüssen ihren Wirtschafts-
oetrieb erweitern können‘‘ (S. 273).
So offenbart sich die Sparkasse zuletzt nur noch als staatlich
anerkannte Hamsterkammer, — viel sicherer als der häusliche Geld-
schrank, denn auf sie allein vermag der Sparer den 5% igen Kurs-
verlust abzuwälzen. Die vermeintliche Abschaffung des Zinses
besteht also lediglich darin, daß die Sparkasse nicht neben der