- 113
Äi
d) Endlich geht noch nicht einmal Proudhons Wunsch, den
leidigen Zins abzuschaffen, durch seine Tauschbank in Erfüllung;
er fällt nur hier nicht dem Darlehensgeber, sondern ausnahmsweise
dem Darlehensnehmer zu:
„Der Schneider, der die 20 000 fr. von der Bank zinslos erhalten hat,
gann in derselben Zeit mehr und bessere Produkte erzielen als ein Konkurrent,
der ohne Kapital oder nur mit geringem Kapital arbeiten muß; in der höheren
Einnahme, die dieser Bevorzugte aus dem Verkauf seiner Erzeugnisse erzielt,
kommt die Wirkung des Kapitals zum Vorschein; in der Volksbank genießen
also nicht die Kreditgeber, sondern die Kreditnehmer die Zinsen... Der
unentgeltliche Kredit ist nichts weiter als ein Geschenk‘ (Diehl, Proud-
aon, II, S. 227; ebenso Gide-Rist, S. 352).
Keines der Proudhonschen Ziele ist also durch Ausführung
seiner Vorschläge errreichbar: weder die Abschaffung des Kredits
noch des Geldes noch des Zinses. Der Tauschbank-Plan ist auch
niemals volle Wirklichkeit geworden: die 1849 von Proudhon ins
Leben gerufene „Volksbank“ ist nicht über das Gründungsstadium
ainausgekommen. Im übrigen war diese Bank keineswegs in Über-
einstimmung mit Proudhons theoretischen Ansichten; sie war
ein echtes kapitalistisches Bankunternehmen mit 5 Millionen fr.
Grundkapital und einer Forderung von 2% Zinsen für die Dar-
lehensgewährung (vgl. im einzelnen Diehl, ebenda, I, S. 64/67) —,
ähnlich den 1829 von Mazel und 1831 von Bonnard in Marseille
unternommenen, ebenso bedeutungslos gebliebenen Bankreform-
versuchen.
Im Zusammenhang mit Proudhons Gedanken ist auch Tuckers
Lehre vom ‚„‚Geldmonopol“ und seine Forderung der „‚Geldfreiheit‘
zu erwähnen: ‚,Das In-Verkehr-Setzen von Geld muß so frei sein, wie die
AJerstellurg von Schuhen.“ Es muß nur gestattet sein, „Banken zur Aus-
gabe von Papiergeld gegen Verpfändung beliebigen Ei entums zu bilden,
wobei... die Kunden der Bank sich gegenseitig verpllichten, deren Noten
an Stelle von Gold und Silber zum Nennwerte anzunehmen und die Einlösung
arst zur bestimmten Verfallzeit gegen Zurückgabe der Noten und Freigabe
der Pfänder verlangt werden könnte; alsdann würde unter dem Einfluß der
Konkurrenz der Kapitalzins auf die bloßen Betriebskosten des Bank-
gzeschäfts, d. h. auf viel weniger als 1% herabsinken, da es niemandem einfallen
würde, einem Kapitalisten Zins zu zahlen, wenn er von der Bank das Geld
zum Ankauf von Betriehbsmitteln zinslos erhalten könnte‘ (Eltzbacher,
3. 184/185).
Die Geldmonopol-Theorie klingt auch bei Tolstoi an: „Geld ist
eine neue Form der Sklaverei, die sich von der alten lediglich durch ihre Un-
persönlichkeit, durch das Fehlen jeder menschlichen Beziehung zwischen
dem Herrn und dem Sklaven unterscheidet“ (Eltzbacher, S. 228).
In jüngster Zeit endlich hat Gustav Landauer den Proud-
hoanschen Lehren, namentlich als Gegengewicht gegen den übermächtigen
Sohn. Kann das Geld abreschafft werden? -