Einleitung.
ı. Kapitel.
Erläuterung der Fragestellung.
Kann das Geld abgeschafft werden? Seit Jahrhunderten
richten sieh Angriffe und Vorwürfe gegen diese Einrichtung.
Wiederholt hat man Pläne entworfen, um sie aus der Welt zu
schaffen oder wenigstens von Grund auf zu reformieren. Erst in
jüngster Zeit sind in dieser Richtung eine ganze Reihe von Ver-
suchen vorgeschlagen und auch praktisch unternommen worden, Zu-
erst haben in Sowjet-Rußland Lenin und Bucharin ihren Pro-
grammen gemäß bei der Entlohnung der Fabrikarbeit das be-
stehende Geld durch Arbeitszertifikate ersetzt, welche eine der
bescheinigten Arbeitsleistung entsprechende Kaufkraft haben. In
der Münchener Räterepublik (April 1919) verhinderte nur seine
kurze Amtsdauer den Finanzminister Silvio Gesell, seine „Frei-
geld“-Theorie in die Praxis umzusetzen. Vor allem begünstigen
heute Warenknappheit und Geldentwertung die Wiederbelebung
des Naturaltauschs: im „Rucksackverkehr zwischen Stadt und
Land“ (Gruntzel) so gut wie in den zwischenstaatlichen Wirtschafts-
abkommen, dem naturalen Güteraustausch im großen, der durch
die Störungen im internationalen Zahlungsverkehr bedingt ist. In
den Rationierungsmaßnahmen und Preisfestsetzungen der Kriegs-
wirtschaftsämter erblickt ferner Otto Neurath die Anfänge einer
„Großnaturalwirtschaft‘“. Schließlich glauben viele sogar, daß schon
die fortdauernde Minderung der Kaufkraft des Geldes zu seiner
gänzlichen Aufhebung führen müsse.
So einfach, wie die zuletzt Genannten sie sich vorstellen, ist nun
die Lösung unserer Frage nicht! Im Gegenteil war bisher nur
die Erfolglosigkeit aller Versuche der Beseitigung des Geldes fest-
zustellen. Es ist auch keineswegs die Aufgabe der folgenden
Untersuchung, etwa einen neuen Weg zu diesem Ziele aufzuweisen.
Cohn, Kann das Geld abgeschafft werden?