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Wertvergleichung nicht entbehren. Die Verständi-
gung der Glieder der Wirtschaftsgesellschaft über die Gesamt-
wertung der Wirtschaftsgegenstände erfordert notwendig einen
gemeinsamen Ausdruck. Alle wirtschaftlich erheblichen Dinge
müssen wechselseitig aufeinander bezogen, ihr Wert an einem
gemeinsamen Maßstab festgestellt, Artverschiedenheiten auf Mengen-
unterschiede zurückgeführt werden. Es mag phantasiemäßig vor-
stellbar sein, daß die vorhandenen und verbrauchten Mengen der
Wirtschaftsgüter (Stoffe und Kräfte) durch eine Universalstatistik
im Sinne Neuraths nach Gattung und Art gesondert erfaßt
und „ohne Zugrundelegung eines einheitlichen Maßes“ durch
spezielle Vergleiche bewertet werden. Selbst unter Voraus-
setzung völlig wahrheitsgetreuer Angaben und außerordentlich
rascher Durchführung der Ermittlungen dürfte jedoch diese gesell-
schaftliche Werttestsetzung im höchsten Maße unpraktisch sein.
Ermöglicht sie doch kaum eine auch nur leidliche Differenzierung
der Wertobjekte nach dem wechselnden Verhältnis‘ von Vorrat
und Bedarf, vor allem .mit Rücksicht auf den Gesamtgütervorrat
und den Gesamtbedarf der Gesellschaft. Geldlose Gesellschafts-
wirtschaft kann also auch nicht Aufhebung der. einheitlicher
Wertrechnung bedeuten!
Hier liegt das schwerste Bedenken gegen die Neurath sche „GroßB-
naturalwirtschaft‘, Logisch folgerichtig entwickelt, versagt der Plan gegen
über der praktischen Erwägung, ob eine so umfassende und komplizierte.
dazu in manchen Punkten (‚„‚Lebenslagetypen‘‘!) von vornherein unzuläng-
liche Statistik eine ausreichende Grundlage für den gesellschaftlichen Wirt:
schaftsplan bilden kann. Gewährt sie — immer unter Annahme schnellster
Durchführung und zutreffender Angaben — einen einigermaßen sicheren
Überblick über die gesellschaftswirtschaftliche Erheblichkeit der individuellen
Bedürfnisse? Ermöglicht sie die Einsicht in die zu ihrer Befriedigung not-
wendigen Aufwendungen? Läßt sie den jeweils erforderlichen Umfang deı
Vorratsbildung, die Größe des zu übernehmenden gesellschaftlichen Risi-
kos auch nur annähernd erkennen? Das sind Fragen, die nicht sicher mit
Ja oder Nein zu beantworten sind, da die geschichtliche Wirklichkeit uns
dazu keine Handhabe bietet, aber die Durchführbarkeit des Neurath:
schen Planes wird dadurch, daß er auf den Generalnenner der gesellschafts-
wirtschaftlichen Wertungen verzichtet, sehr zweifelhaft. Es scheint, als ob
in diesem Punkte die Vorschläge Neuraths unbedingt einer Ergänzung
bedürften (vgl. weiter unten).
Auch Mises betont ganz besonders die Schwierigkeit, ja Unmög-
lichkeit der Wirtschaftsführung ohne einheitliche Wertrechnung: ‚Man
denke an den Bau einer neuen Eisenbahnstrecke. Soll man sie überhaupt
bauen, und wenn ja, welche von mehreren denkbaren Strecken soll gebaut
werden? In der freien Verkehrs- und Geldwirtschaft vermag man die Rech:
nung in Geld aufzustellen. Die neue Strecke wird bestimmte Gütersendunger