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nur der wohlhabenden Bevölkerung, wo nicht bloß Kriegsgewinnlern,
möglich war. Das Geld war hiernach in seiner Funktion als all-
gemeines Umtauschmittel stark gehemmt: Zumeist hatte es der
Käufer nicht, vielfach aber — man denke an die Bauern! — wollte
es der Verkäufer auch gar nicht, So trat an seine Stelle öfters
wieder die Ware, bestimmte allgemein benötigte Verbrauchsgüter
vermittelten den Wirtschaftsverkehr leichter als das Geld — der
generelle Kauf wurde wieder zum individuellen Tausch, bei dem
das Geld gänzlich ausgeschaltet ist.
Der Umfang, den im Verlauf des Krieges der Tauschverkehr
zwischen Stadt- und Landbevölkerung annahm, war nicht unbe-
trächtlich; jedoch: fehlte ihm, trotz gelegentlicher „behördlicher
Regelung“ (Neurath) die Organisation der Großnaturalwirt-
schaft, ohne die er heute eine gesellschaftswirtschaftliche Be-
deutung nicht erlangen kann. Die individuelle Tauschwirtschaft
ist von dem ausgebauten naturalen Güteraustausch ganzer Völker
und Völkerverbände streng zu scheiden.
Es ist ein Verdienst Otto Neuraths, daß er diesen Unterschied
bei seinen naturalwirtschaftlichen Untersuchungen stets nachdrücklich
betont: ‚Ich erörtere die Frage der Großnaturalwirtschaft immer wieder
und mit einigem Nachdruck, weil ein weitverbreitetes Vorurteil die Natural-
wirtschaft für primitiver und unentwickelter als die Geldwirtschaft ansieht,
was aber keineswegs der Fall ist. Es gibt zwar Naturalwirtschaftszustände
sehr primitiver Art, aber es gibt naturalwirtschaftliche Organisationstypen,
die höher stehen als irgendwelche geldwirtschaftliche Organisationstypen‘‘
iKriegswirtschaft, S. 101). Und an anderer Stelle: „Wenn wir eine Zunahme
ler Naturalwirtschaft annehmen, so meinen wir damit, daß die Anweisungen
auf unbestimmte Arten von Dingen und Leistungen eine geringere Rolle
als früher spielen. Von Naturalwirtschaft im gegenwärtigen Zeitalter zu
sprechen, widerstrebt vielen, weil sie die Naturalwirtschaft als eine primitive
Organisationsform ansehen und wohl gar der Hauswirtschaft gleichsetzen.
Dazu besteht aber keine Veranlassung. Wir wollen Naturalwirt-
schaften aller Stufen unterscheiden und neben neutralen Staats-
wirtschaften auch eine Weltwirtschaft auf naturaler Grundlage in Erwägung
ziehen‘ (Kriegswirtschaft, S. 183; ähnlich auch S. 151/167 und Vollsoziali-
sierung. S. 40}.
Neurath erblickt die Hauptursachen der Umwandlung des
Greldverkehrs in einen Naturalverkehr weniger in der allmählich
sinkenden Kaufkraft des Geldes als in dem Kriegsbedarf des
Staates, sowohl für die Versorgung des Heeres als der Zivilbe-
völkerung. Beruht die Wiederkehr des primitiven Naturaltausches
vorwiegend auf der Gefährdung der privaten Einzelwirtschaften.