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sine Organisation gelten lassen wollen, die selbst dann keine un-
mittelbare Zwangsmaßnahme darstellen darf.
Godwin, der älteste Vertreter dieser Anschauungen, bemerkt,
laß „die Arbeitsteilung in der zukünftigen Gesellschaft nicht verschwinden
wird. Die Menschen werden verschiedene Gegenstände erzeugen. Aber sie
werden diese nicht so austauschen wie jetzt. Jeder wird beim anderen frei
jas nehmen, was er braucht, falls derjenige, bei dem genommen wird, sein
Produkt nicht braucht. Die Grundlage des Austauschs wird nicht Egoismus,
sondern Nächstenliebe sein‘ (Tugan, S. 148; vgl. auch Anton Menger,
Recht, S. 42/43, und Sombart, S. 47).
In bedeutsamer Abweichung hiervon, allerdings unter den Anarchisten
wohl alleinstehend mit seiner Auffassung, ging Bakunin „von der An-
sicht aus, daß die Genußmittel jedem Mitgliede der anarchistischen Gesell-
schaft regelmäßig nach dem Maße der von ihm geleisteten Arbeit zugeteilt
werden sollen‘‘ (A. Menger, Staatslehre, S. 10.)
Am klarsten sind die — auch bei Reclus und Grave zu finden-
jen — Gedanken des anarchistischen Kommunismus von Kropotkin
(in der „Eroberung des Brotes‘) ausgesprochen: „Unser Kommunismus ist
nicht derjenige der Phalansterien, noch derjenige der autoritären deutschen
Theoretiker. Er ist der anarchistische Kommunismus, der Kommunis-
mus ohne Regierung, — derjenige freier Menschen. Er ist die Ver-
einigung der beiden von der Menschheit seit Alters her verfolgten Ziele:
der ökonomischen Freiheit und der politischen Freiheit ... Wir können
schon eine Welt sehen, in der das Individuum, nicht mehr durch Gesetze
zefesselt, nur noch gesellschaftliche Neigungen haben
wird: Neigungen, die in dem von einem jeden von uns gefühlten Bedürfnis
geboren sind, Hilfe und Mitgefühl bei seinen Nachbarn und ein Zusammen-
arbeiten mit ihnen zu suchen‘ (S. 23/24). Kropotkin hält es für „not-
wendig, daß das Volk von allen Lebensmitteln Besitz ergreife, über sie
Verzeichnisse aufstelle und derart vorgehe, daß alle aus den reichen ange-
jammelten Existenzquellen Nutzen schöpfen‘ (S. 43). Der Kommunismus
bedeutet die „Negation des Lohnsystems‘; an dessen Stelle tritt „unbe-
schränkter Genuß alles dessen, was man im Überfluß besitzt; rationsweise
Verteilung dessen, was bemessen verteilt werden muß“ (S, 48; auch „wenn
das Wasser wirklich einmal ausgehen sollte ..., würde man seine Zuflucht
zur rationsweisen Zuweisung nehmen‘; diese Zuflucht dürfte voraussicht-
lich im anarchistischen Kömmunismus eine recht erhebliche Rolle spielen).
Der Verteilungsmaßstab wiederum: ‚, Jeder nach seinen Bedürfnissen! ...
Solange es unmöglich ist, zwischen dem faulen Nichtstuer und dem unfrei-
willig Arbeitslosen zu unterscheiden, müssen alle ohne Ausnahme auf die
vorhandenen Existenzmittel Anspruch haben‘‘ (S. 50). Die als Schädlinge
Erkannten werden unter den Druck der öffentlichen Meinung genommen:
„Wenn ein Arbeiter seine Kameraden durch Lässigkeit oder andere Mängel
schädigt‘, wird er „durch die Kameraden selbst gezwungen, die Werkstatt
zu verlassen‘ (S. 119). Dieser Maßregel wieder liegt die Vorstellung einer
‚Assoziation‘ zugrunde, die „mit jedem ihrer Mitglieder folgenden Ver -
trag abschließt: Wir sind bereit, Euch unsere Häuser, Magazine, Straßen,
Verkehrsmittel. Schulen. Museen usw. zur Verfügung zu stellen. — unter