208
0 Gerberzeitung 1867, S. 168.
•■) Vgl. S. 121.
alle zur Herstellung dieses Fabrikates nötigen Roh- und Hilssstoffe
lieferte das umliegende Land.
Regierungsmaßnahmen aller größten Stiles müssen ins Werk gesetzt
werden, wenn es sich darum handelt, eine wanderndeBevölkerungs-
masse zum Träger eines Produktionsprinzips zu machen. Das Wesen
der Regierungsmaßnahmen ist in beiden Fällen, ob der Träger eine
einzelne Person oder eine Bevölkerungsmasse ist, das gleiche; Schul
beispiele hierfür sind die Kolonisationen durch die Hugenotten, die Wal
denser, die Wallonen, die Schweizer, die Menoniten, die Salzburger; der
Gesichtspunkt, unter welchem die Bewegung von Produktionsprinzipien
in solchen Füllen erfolgt, ist weniger die Einführung der Methode,
dieser allerdings auch, aber vielmehr noch ist es die Lösung eines Be-
völkerungsproplems, welches als Folge welthistorischer Vorgänge sich
eingestellt hat. Für die Geschichte der Gerberei sind von Bedeutung
hauptsächlich die Hugenotten geworden, welche, ebenfalls vielfach privi
legiert und unterstützt, die Glacegerbung aus Frankreich über ganz
Europa verbreitet haben. Glacegerbung als reines Produktionsprinzip
war auch früher nicht unbekannt. Die Mainzer Handschrift des 14. Jahr
hunderts kennt unter anderem auch eine Vorschrift zur Gerbung nach
Glaceart. „Nach Enthaarung des Felles nimm warmes Wasser und
löse Alaun darin auf, so daß auf zwei Häute ein Stück in der Größe
eines Eies kommt, hänge die Haut hinein und laß die Lösung eindringen.
Hat man dann die Haut aus dem Alaunwasser genommen, so mische
man sogleich das nämliche Wasser mit Eiern, sechs bis sieben Stück
auf zwei Häute; in dieses Wasser kommt die Haut wieder, wird aber
beim Herausnehmen nicht mehr ausgedrückt, sondern man läßt sie im
Dunkeln trocknen. Ist sie trocken, so reibt und reckt man sie über ein
Seil." Nach einer anderen Vorschrift besteht die Gare aus Eiern, Mehl
und Alauns. Daß das Kochsalz hier fehlt, ist nicht von Bedeutung,
weil die Vorschriften keine systematischen Beschreibungen der Verfahren
sind, sondern weil sie nur einzelne Manipulationen betreffen. Interessant
ist, daß die Gerbung mit Alaun und die Gerbung mit Eiern nacheinander
ausgeführt werden. Der Grund, warum das Verfahren nicht damals
schon allgemeiner ausgeführt wurde, ist vielleicht der, daß die Nachfrage
fehlte; erst als Ludwig XIV. für weiße Glacehandschuhe und damit
für Glaceleder lebhafte Nachfrage erzeugte, kam die Methode in Schwung
und ist seitdem ein Bestandteil der abendländischen Kultur geworden.
Ich habe früher für Speier aus der Mitte des 18. Jahrhunderts
berichtet ^), daß dort nur wenige Handschuhe getragen wurden; daraus
sieht man, daß die starke Nachfrage nach Glacehandschuhen die fran-