Object: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

464 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. II. Industriestaat. 
Produktion. Die wirkliche volkswirtschaftliche Bedeutung der Landwirtschaft wird 
jedenfalls durch diesen Vorgang an sich nicht vermindert. 
Zu dieser ältesten und vielleicht wichtigsten Ursache der wachsenden Industriali 
sierung der modernen Kulturstaaten gesellt sich als zweiter in der gleichen Richtung 
wirkender Umstand die zunehmende Ersetzung organisierter durch unorganisierte 
Materie, wie Sombart, der zuerst hierauf aufmerksam gemacht hat, den Vorgang 
treffend bezeichnet. Wenn z. B. das Holz als Brennmaterial durch die Kohle und 
als Baumaterial beim Häuser-, Brücken- und Schiffsbau durch das Eisen verdrängt 
wird, so ergibt sich hieraus in der Berufsstatistik ein Anwachsen der Industrie, weil 
die im Bergbau und in den Eisengewerben beschäftigten Personen der Berufsabteilung 
Industrie zugezählt werden. Das gleiche Resultat wird erzielt, wenn an die Stelle 
des tierischen Motors in Bergbau und Industrie die Dampfmaschine tritt, wie dies 
bei uns um die Mitte des letzten Jahrhunderts in großem Umfange geschah. Ein 
erheblicher Teil der Verschiebung, die in den Anteilen der landwirtschaftlichen und der 
gewerblichen Bevölkerung an der Gesamtvolkszahl eingetreten ist, ist auf Rechnung 
dieses Umstandes zu setzen. 
Neben diesen beiden Hauptursachen, welche vor 1870 die Umbildung Deutsch 
lands vom Agrarstaat zum Industriestaat bewirkt haben, hat nun aber auch schon 
in dieser Zeit die Gestaltung des Handelsverkehrs mit dem Auslande eine Rolle 
gespielt, wenn auch nur eine Rolle von sekundärer Bedeutung. Es ist durchaus falsch, 
wenn man Deutschland als ein Land hinstellt, das im Beginn des 19. Jahrhunderts 
noch über einen großen Überfluß an Bodenprodukten verfügte, von dem es einen 
Teil dem Auslande mitteilte. Allerdings hat damals Deutschland einen beträchtlichen 
Getreide-, Holz- und Schafwollexport gehabt, allein bei Bodenprodukten im ganzen 
ergibt sich keine Mehrausfuhr, sondern im Gegenteil eine Mehreinfuhr. Soweit wir 
den deutschen oder wenigstens den preußischen Außenhandel statistisch zu verfolgen 
in der Lage sind, immer zeigen die Zahlen, daß Deutschland das ganze 19. Jahr 
hundert hindurch in gewissem, wenn auch zunächst noch recht bescheidenem Umfange 
ein Exportindustriestaat gewesen ist, d. h. daß bei Bodenprodukten seine Einfuhr 
größer war als seine Ausfuhr, während bei industriellen Fabrikaten umgekehrt der 
Export den Import übertraf. Die Kargheit des deutschen Bodens machte es den 
Bewohnern unseres Vaterlandes auch damals schon unmöglich, die Vodenprodukte, 
die sie in Form von Nahrungs- und Genußmitteln sowie von Rohstoffen von auswärts 
bezogen, dem Auslande wieder mit Bodenerzeugnissen zu bezahlen, sondern sie mußten 
ihm für die empfangenen Agrarprodukte zum großen Teil Erzeugnisse des deutschen 
Gewerbefleißes, insbesondere Gewebe, anbieten. Die Kolonialwaren, welche Deutsch 
land in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts einführte, wurden zum großen 
Teil mit schlesischer Leinwand bezahlt. Und nicht einmal den Flachs, den die deutsche 
Leinenindustrie damals verarbeitete, konnte Deutschland vollständig selbst produzieren. 
Der Übergang zum Exportindustriesystem, den die deutsche Volkswirtschaft nach der 
Wiedererrichtung des Reichs in beständig wachsendem Maße vollzog, war also nichts 
durchaus Neues für Deutschland. Neu und unerhört war nur das Tempo, in dem 
seit 1871 und speziell in den letzten beiden Jahrzehnten des Jahrhunderts die Aus 
breitung der Exportindustrie vor sich ging. Von dem Gesamtwerte der Ausfuhr im 
deutschen Spezialhandel machten im Durchschnitt der Jahre 1874—77 die Fabrikate 
erst etwa 37 % aus, dreißig Jahre später, von 1904—1906 betrug der Anteil der 
Fabrikate am Gesamtwerte schon über 65 %. Im Durchschnitt der letztgenannten drei 
Jahre übertraf die Ausfuhr an Fabrikaten die Einfuhr um fast 2Vz Milliarden Ji*) 
*) In den Jahren 1907—1910 betrug der Anteil der Fabrikate am Gesamtwerte der 
Ausfuhr im deutschen Spezialhandel 68,3°/ 0 : die Ausfuhr von Fabrikaten übertraf im Durch-
	        
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