462 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. I. Weltwirtschaft.
Drohung des Königs von Spanien zurückstehen. Als aber 1822 die Vereinigten
Staaten und bald darauf auch England die südamerikanischen Republiken anerkannt
hatten, da faßte in der letzten Jahresversammlung des Ehrbaren Kaufmanns der
Präses die große Errungenschaft des Jahres in die Worte zusammen: „Hamburg hat
Kolonien erhalten."
In diesem Jubelruf drückte sich jahrhundertelanges Sehnen und hoffnungsfrohe
Zukunftsahnung aus. Hat man die Reisen Alexander v. Humboldts die zweite, die
wissenschaftliche, Entdeckung Südamerikas genannt, so kann man die Jahre, die nun
folgten, die dritte, die wirtschaftliche, Entdeckung des südlichen Kontinentes nennen.
Hier standen zum ersten Male in Übersee die hanseatischen Kaufleute in freiem Wettbewerbe
mit anderen Völkern, unbehindert durch koloniale Monopole und koloniale
Traditionen, nicht mehr als Schleichhändler oder Gelegenheitssucher.
Durch den Zwang eines Vierteljahrtausends hatten sie gelernt, jeden Weg zu
nützen, der sich ihnen bot. Sie hatten gelernt, auch ohne den Rückhalt eines starken
nationalen Staates, durch eigene Findigkeit und Zähigkeit sich eine Stellung in der
Welt des Handels zu schaffen. Sie hatten allerdings auch gelernt, sich vor den Mächtigen
dieser Welt zu ducken und zu drücken. Ihre Stadtstaaten waren zu Kaufmannsgemeinschaften
geworden, deren Leben sich ganz auf die eigenen Jnteressenkreise eingestellt
hatte; sie hatten, wie Bürgermeister Smidt es 1808 faßte, in ihrem „individuellen
Civismus und hanseatischen Föderalismus" es verlernt, „Deutsche zu sein"
und „mit den übrigen vereinigten Stämmen der deutschen Nation Leid und Freude
zu teilen".
Es ist ungerecht, über diese Kaufmannsaristokratien hart abzuurteilen. Ihre
Zustände waren gegeben durch ihre geographische Lage, durch die geschichtliche Entwicklung
Westeuropas und des alten Deutschen Reiches. Diese selben hanseatischen
Kaufleute sind in weiterem Verlaufe des 19. Jahrhunderts die Pioniere eines großen
deutschen Vaterlandes in der Übersee geworden, lange ehe es wieder eine deutsche
Flagge gab. Damals aber, als sie sich anschickten zu ihrer neuen nationalpolitischen
Aufgabe, des soll man eingedenk sein, da war die Forderung von Einigkeit und Recht
und Freiheit für das deutsche Vaterland im deutschen Inlande noch mit bitterer Gefahr
für Leib und Leben verbunden.
Über dem Jammer der Reaktionszeit wollen wir deshalb in diesem Zusammenhange
eines deutschen Mannes nicht vergessen, unseres Friedrich List, der mit hinreißender
Beredsamkeit seinen Glauben an ein freies, industriegewaltiges und feemächtiges
Deutschland öffentlich bekannte und als ein Märtyrer dieses seines Glaubens
starb. Ihn hatte der Staatsgedanke mächtig gepackt zu einer Zeit, wo es keinen
deutschen Staat gab; ihn, den Schwaben, der die weite Welt gesehen, der die Erbärmlichkeit
der kleinen deutschen Despotien und die Weltgröße der Angelsachsen am eigenen
Leibe erfahren hatte.
„Nirgends haben Arbeitsamkeit und Sparsamkeit, Erfindungs- und Unternehmungsgeist
der Individuen Bedeutendes zustande gebracht, wo sie nicht durch die
bürgerliche Freiheit, die öffentlichen Institutionen und Gesetze, durch die Staatsadministrationen
und durch die äußere Politik, vor allem aber durch die Einheit und
Macht der Nation unterstützt gewesen sind." „Die Geschichte kennt kein reiches, kein
Handel- und gewerbetreibendes Volk, das nicht auch ein freies gewesen wäre."
So faßte er das Ergebnis seiner Geschichtsauffassung zusammen und prophezeite,
seiner Zeit genial voraneilend, den „souveränen Kirchspielen" der Hanseaten, daß sie
für ihre Nation werden müßten, „was London und Liverpool den Engländern,
New York, Boston und Philadelphia den Amerikanern sind"; für ihre Nation, die
„von der Natur selbst berufen ist, sich unter den kolonisierenden und kulturverbreitenden
Nationen in die erste Reihe zu stellen".