Full text: Das Ich und der Staat

1V. Das Jch als Massenteilchen ) 
Völker zu lieben, die sie verspeisen oder als gehorsame Diener ihrer 
eignen Interessen an sich fesseln möchten. Wohl fühlt sich ein 
gesundes Volk nur in dem Bewußtsein, keiner Liebe zu bedürfen 
und jedem Hasse gewachsen zu sein. Nur von uns Deutschen hat 
ein so erfahrener und weit gereister Menschen- und Völkerkenner 
wie Max Eyth schon vor einem halben Jahrhundert behauptet, so 
recht wohl sei uns eigentlich nur, wenn uns jemand die Haut über 
die Ohren ziehe. Wer die letzten Jahre des Krieges und die ersten 
Jahre nach dem Kriege als unbefangener Beobachter miterlebt hat, 
fand die alte Erfahrung manchmal wundersam bestätigt. 
Wir, denen man am 28. Juni 1919 das Versailler Diktat, diese 
Bibel des Völkerhasses, zur Unterschrift vorgelegt hat, indem man 
uns, für den Fall der Weigerung, mit dem Hungertode bedrohte, 
wir sind ausgemachte Narren oder Feiglinge, wenn wir die Augen 
gewaltsam der Tatsache verschließen, daß der Haß eine reichlich so 
wirksame, bewegende Kraft des Weltgeschehens ist, wie die Liebe. 
Dieser Tatsache Rechnung tragen, in der Jugenderziehung sowohl 
wie in der Selbsterziehung des Staatsbürgers, heißt noch nicht, 
einem berechtigten Haß täglich und stündlich in unmäßigen Worten 
Luft machen. Heißt auch nicht, die Zusammenarbeit mit andern 
Völkern, zu Zwecken des Friedens und der Wohlfahrt aller, blind- 
wütig ablehnen. Haß ist ein Gefühl, das in all seinen Abstufungen 
der Zügelung durch die Vernunft noch viel mehr bedarf als die Liebe, 
weil die Schäden, die ein zügelloser Haß anrichtet, schwerer gut zu 
machen sind, als was blinde Liebe versehen hat. 
Pervers aber ist der Zustand, daß millionenstarke Massen inner- 
halb eines Volkes ihre phantastische Liebe fremden Völkern und 
ihrem eingebildeten Volkstum zuwenden, während sie die ganze 
Kraft des Hasses, deren sie fähig sind, gegen Angehörige des eigenen 
Volkes richten. An dieser Perversität, die er in vier Jahrzehnten 
ungestört hat heranwachsen lassen, wo er sie nicht gar selbst ge- 
züchtet hat, ist der monarchische Staat der Deutschen zugrunde ge- 
gangen. Der neue Staat, wenn er es besser haben will, hat allen 
Anlaß, mit peinlicher Gewissenhaftigkeit und unter Aufwand des 
feinsten Taktgefühles darüber zu wachen, daß Liebe und Haß schon 
im werdenden Ich die richtigen Ziele finden und sich, dem Ziel ent- 
sprechend, angemessen abstufen. Von Lumpen, die sich in fremdes 
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